Spielanalyse DR Kongo – wo England das Spiel gewinnen kann

Kurzüberblick
England trifft im Achtelfinale auf die DR Kongo, die mit einer defensiven 5-3-2-Formation und hohem Pressing überrascht. Thomas Tuchels Team kann die Schwächen des Gegners in der Breite und bei Standards ausnutzen, muss aber die Kontergefahr um Yoane Wissa im Blick behalten.
In der K.o.-Phase eines großen Turniers besteht unabhängig vom Gegner stets das Risiko des Ausscheidens. Das zeigt das Beispiel Deutschland, das gegen Paraguay – eine Mannschaft, die die Weltmeisterschaft mit einer 1:4-Niederlage gegen Mauricio Pochettinos USA begann – ausgeschieden ist.
Englands nächster Gegner, die DR Kongo, beendete die Gruppenphase auf dem dritten Platz: Sie besiegten Usbekistan, spielten unentschieden gegen Portugal und verloren gegen Kolumbien. Doch wie spielt diese Mannschaft und welche Herausforderungen könnte sie für Thomas Tuchels Team bereithalten?
Das Spiel zwischen der DR Kongo und England findet am Mittwoch um 17:00 Uhr britischer Sommerzeit statt und wird live auf BBC One und iPlayer übertragen.
Taktische Grundordnung: 5-3-2 mit hohem Pressing
Bislang trat die DR Kongo im Turnier stets in einer 5-3-2-Formation auf, die sowohl mit als auch ohne Ball beibehalten wurde. Ihr durchschnittlicher Ballbesitz liegt bei 38,8 % – ein deutlicher Unterschied zu Englands 65,7 %, dem zweithöchsten Wert hinter Spanien (70,3 %). Dies deutet auf eine defensive, auf Konter ausgerichtete Spielweise hin.
Doch obwohl dies weitgehend zutrifft, verteidigt die DR Kongo überraschend offensiv. Gegen Portugal und Kolumbien, die den Ball dominierten, pressten sie bei gegnerischen Abstößen hoch. Statt sich tief in die eigene Hälfte zurückzuziehen, halten sie die Abwehrlinie höher, als man es von einem Team mit 38 % Ballbesitz erwarten würde. Zudem neigen ihre Spieler dazu, Druck auf den Ballführenden und die ballnahen Mitspieler auszuüben.
Diese Entscheidungen sind zwar proaktiver als reines Verteidigen im eigenen Strafraum, bieten aber Angriffspunkte für England.
Schwachstellen im Pressing: Wege für England
Ausnutzen der Manndeckung
Bei Abstößen nehmen die beiden Stürmer und drei Mittelfeldspieler der DR Kongo vorgerückte Positionen ein, um den gegnerischen Torwart, die Innenverteidiger und den defensiven Mittelfeldspieler zu pressen. Die Außenverteidiger sind für das Pressen der gegnerischen Fullbacks zuständig, während die drei Innenverteidiger gegen drei Angreifer verteidigen. Die Mannschaft ist bereit, überall Mann gegen Mann zu spielen – was England in die Karten spielt.
Zwar könnte der Druck zu einem Fehler Englands führen, doch Tuchel wird darauf vertrauen, dass seine Spieler, die auf Vereinsebene in der Premier League regelmäßig mit hohem Pressing konfrontiert sind, technisch nicht versagen.
Breite nutzen: Fullbacks in tiefen Positionen
England könnte Erfolg haben, indem es die Außenverteidiger in tiefen Räumen einsetzt. Die Idee: Wenn die Fullbacks tief spielen, müssen die pressenden Außenverteidiger der DR Kongo größere Distanzen zurücklegen. Finden die Fullbacks in diesen Situationen den Ball, haben sie mehr Zeit und Raum. So könnte England wieder über die Seiten angreifen, indem es die von Tuchel sogenannten „breiten Einheiten“ – Fullback, Mittelfeldspieler und Flügelspieler – rotieren lässt, um die Spieler der DR Kongo aus der Position zu ziehen.
Beschleunigung durch das mittlere Drittel
Ein weiterer wichtiger Punkt: Tuchel hat sein Team darauf aufgebaut, Druck anzuziehen, um dann „durch das mittlere Drittel zu beschleunigen“ – ein Ausdruck von Co-Trainer Anthony Barry. Indem Angriff und Mittelfeld des Gegners von der Abwehrlinie weggezogen werden, entstehen mehr Räume und weniger Verteidiger zwischen den eigenen Angreifern und dem Tor. Dies erklärt, warum Spieler wie Elliot Anderson und Harry Kane tiefe Pässe auf schnelle Läufer schlagen und warum England gegen das pressende Kroatien besser aussah als gegen das klug passive Ghana.
Ob die DR Kongo nun hoch presst oder im Mittelfeldblock verteidigt – sie übt weiterhin Druck nach vorne aus, wie gegen Kolumbien und Portugal zu sehen war. Tuchel wird hoffen, dass der Gegner bei diesem Plan bleibt, damit England Spieler wie Jude Bellingham, Marcus Rashford, Anthony Gordon und Noni Madueke in die Tiefe schicken kann.
Überzahl im Mittelfeld und weite Seitenwechsel
Im defensiven Block pressen die beiden Stürmer der DR Kongo oft die ballführenden Innenverteidiger, während sie Pässe in den defensiven Mittelfeldspieler abschirmen. Baut der Gegner jedoch mit mehr als zwei Spielern in der ersten Linie auf, sind die Angreifer in Unterzahl. Dann muss der nächststehende zentrale Mittelfeldspieler nachrücken – eine Schwäche, die England ausnutzen kann.
Ein Spieler wie Nico O'Reilly oder ein zentraler Mittelfeldspieler wie Jude Bellingham oder Declan Rice könnte den gegnerischen Mittelfeldspieler binden und so einen ungedeckten Pass nach außen ermöglichen. Ein dritter Innenverteidiger in der Rolle, die Jarell Quansah im letzten Spiel innehatte, könnte den breiten Mittelfeldspieler der DR Kongo zum Pressen verleiten, bevor England den Ball in den freien Raum spielt.
Gegen Panama legte England einen stärkeren Fokus auf Pässe durch die Mitte – es wird interessant sein, ob dieses Muster anhält. Gegen Ghanas tiefen 4-5-1-Block forderte Tuchel seine Spieler auf, „kurz, kurz, kurz“ und dann „einen langen Wechsel“ zu spielen, um die Flügelspieler ungedeckt in Szene zu setzen. Dies wird man gegen die DR Kongo wohl erneut sehen.
Mit nur drei zentralen Mittelfeldspielern überlädt man eine Seite und zieht die DR Kongo durch kurze Pässe auf die Ballseite, sodass auf der anderen Seite eine Lücke entsteht. Ein langer Pass dorthin würde einem englischen Flügelspieler Zeit geben, auf die Außenverteidiger zuzulaufen und sie zu überwinden.
Der Mangel an Breite im Mittelfeld der DR Kongo kann auch durch einfache horizontale Pässe von einer Seite zur anderen ausgenutzt werden. Zwar birgt dies ein Risiko, doch Spanien zeigte in der Gruppenphase gegen Saudi-Arabien, wie effektiv diese Taktik sein kann.
Einwürfe als sichere Gelegenheit
Eine sicherere Variante, diese Schwäche zu nutzen, sind Einwürfe. Bei Einwürfen in der gegnerischen Hälfte hat die DR Kongo in diesem Turnier viele Spieler um den Einwurfbereich versammelt. So war es für Gegner leicht, einen ungedeckten Spieler anzuspielen. Aufgrund der fehlenden Breite könnte ein sofortiger Pass zurück zum Einwerfer und ein anschließender Seitenwechsel England schnell in eine gute Angriffsposition bringen.
Eigene Stärken der DR Kongo: Aufbau und Wissa
All dies soll nicht heißen, dass die DR Kongo keine eigene Gefahr ausstrahlt. Bei Abstößen bauen sie oft kurz auf, jedoch auf unkonventionelle Weise. Die Dreierkette weitet sich zu einer Viererkette, wenn der Torwart mitspielt. Die Außenverteidiger nehmen breite Positionen ein, ein defensiver Mittelfeldspieler steht davor. Die Positionen der verbleibenden zwei Mittelfeldspieler und zwei Stürmer sind schwerer zu lesen – sie drängen sich dorthin, wo lange Pässe landen, anstatt in festgelegten Zonen zu bleiben. Dies hilft ihnen, lose Bälle zuverlässiger zu erobern.
Diese weit auseinandergezogene Formation macht das Passspiel riskanter. Zwar gelang es Portugal, durch Pressing Mittelfeldspieler der DR Kongo zu enteignen, doch der große Abstand zwischen den Spielern erschwert ein geschlossenes Pressing des Gegners.
Es wäre naiv, den gefährlichsten Spieler der DR Kongo zu ignorieren: Yoane Wissa. Seine Fähigkeit, Angriffssituationen zu lesen und im Strafraum schnell zu reagieren, stellt für jede Mannschaft der Welt eine große Bedrohung dar.
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