Tuchel hinterfragt Englands DNA – Spieler enttäuscht von Taktik

Kurzüberblick
Nach dem 1:2 im WM-Halbfinale gegen Argentinien sind mehrere englische Nationalspieler unzufrieden mit der defensiven Taktik von Trainer Thomas Tuchel. Dieser räumte ein, dass es nie der Plan war, immer tiefer zu stehen, und stellte die Ballkontrolle der Mannschaft infrage.
Die schmerzhafte 1:2-Niederlage Englands im WM-Halbfinale gegen Argentinien am Mittwoch hat eine intensive Debatte ausgelöst – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb des Kaders von Thomas Tuchel. Mehrere Quellen gegenüber der BBC berichten, dass eine Reihe von Schlüsselspielern enttäuscht darüber war, wie die Mannschaft die Schlussphase des Spiels anging.
In neuen Aussagen gegenüber britischen Zeitungen erklärte Tuchel, dass es nie der Plan gewesen sei, immer tiefer zu rücken, und fügte hinzu: „Es liegt vielleicht nicht in unserer DNA … das Spiel und den Ball zu kontrollieren.“
Englands frühe Führung und der Umschwung
Mit einer 1:0-Führung 35 Minuten vor Schluss schien England auf dem besten Weg zu seinem ersten WM-Finale der Männer seit 1966. Doch der Momentum-Wechsel war eklatant. Während es für Argentinien natürlich war, auf den Ausgleich zu drängen, wurde England dafür kritisiert, den Gegnern die Initiative förmlich überlassen zu haben.
Tuchel stellte seine Mannschaft mit einer Fünferkette auf, um die Führung zu verteidigen – nur um zu sehen, wie diese in der Schlussphase unter anhaltendem argentinischen Druck kippte. BBC-Sportexperte Wayne Rooney sagte, die Niederlage „begann beim Trainer und den Entscheidungen, die er traf.“
Unmut unter den Spielern
Nach der Niederlage in Atlanta trafen die Spieler ihre Familien und Angehörigen. Es herrschte die deutliche Auffassung, dass die taktische Ausrichtung nach der Führung zum Scheitern beigetragen hatte. Der BBC zufolge haben sich mindestens drei erfahrene Spieler privat über das Vorgehen in der Schlussphase beschwert.
Zwar wird eingeräumt, dass das Zurückweichen bei der Verteidigung einer Führung ein natürlicher Instinkt ist. Doch unter bestimmten Spielern herrscht die Überzeugung, dass Tuchels taktische Umstellungen und Auswechslungen den Rückzug noch verstärkt hätten. Einige Spieler glauben, die Mannschaft hätte mehr Freiheit haben sollen, den Ball in der Schlussphase zu pressen, um Argentinien zumindest vom eigenen Tor fernzuhalten – auch um der Abwehr etwas Entlastung zu verschaffen.
Stattdessen erkannten einige Spieler zwar, dass die Mannschaft einfach nur klärte und sich in der Defensive neu formierte – eine Taktik, mit der sie nicht einverstanden waren. Einige hätten sich mehr Mut und Risikobereitschaft gewünscht, nicht unbedingt, um mit aller Gewalt auf das zweite Tor zu gehen, sondern um eine Balance zu finden zwischen dem argentinischen Druck und eigenen Entlastungsangriffen. Eine Quelle sagte: „Sie sind zu früh zu tief gestanden.“
Dass Spieler nicht unbedingt mit dem Ansatz ihres Trainers einverstanden sind, ist nicht ungewöhnlich. Profifußballer sind es gewohnt, Anweisungen auszuführen, selbst wenn sie die Richtung nicht befürworten. Dennoch zeichnet die Verstimmung ein interessantes Bild für den weiteren Verlauf von Tuchels Amtszeit.
Tuchel: „Nie der Plan, immer tiefer zu rücken“
In seinen neuen Aussagen wurde Tuchel ausführlich zu Taktik und Herangehensweise befragt. „Ich habe die Daten noch nicht gesehen, aber ich denke, direkt nach dem Tor kippt das Momentum komplett bei Ballbesitz, Chancen, und es fällt dramatisch ab“, sagte er. „Wir wurden zu passiv in unserer Struktur. Ich habe versucht zu helfen, nicht passiver zu werden mit einer Fünferkette, sondern aktiver, schneller zu den Flügelspielern zu kommen, die Lücken zwischen der Viererkette nicht zu öffnen. Wir haben alle ermutigt, herauszurücken, aktiver in der Struktur zu sein, aber wir hatten einfach Probleme. Wir konnten keine Zweikämpfe mehr finden, weshalb wir immer tiefer rückten – das war nie der Plan, aber es passierte. Wir mussten wieder an den Ball kommen, sonst kann man den Druck nicht brechen und das Momentum nicht zurückgewinnen.“
Tuchel betonte, dass Ballbesitz „eine entscheidende Rolle spielt“. „Es ist vielleicht nicht in unserer DNA wie in der spanischen, argentinischen oder brasilianischen DNA, den Ball zu nehmen, das Spiel und den Ball zu kontrollieren – das ist auch ein großes Problem. Ich glaube trotzdem, dass wir zeigen können, was für gute Fußballer wir sind. Das steckt noch in uns, wie ich im Training und in jedem Lehrgang sehe.“
Ausblick: Spieler-Trainer-Dynamik und EM-Qualifikation
Tuchel wurde mit der Überzeugung verpflichtet, der Mann endlich den entscheidenden Schritt zu ermöglichen. Gareth Southgate hatte während seiner Amtszeit ein WM-Halbfinale und zwei EM-Endspiele erreicht – Tuchels taktisches Geschick sollte England vom „Beinahe“ zum Sieger machen. Doch die Wahrnehmung einiger Spieler, dass Tuchel in Atlanta falsch lag, wird eine interessante Spieler-Trainer-Dynamik für die anstehende EM-Qualifikation schaffen.
Obwohl Tuchel weiterhin die volle Unterstützung von FA-Geschäftsführer Mark Bullingham genießt, dürfte die Kritik, die der Deutsche seit der Niederlage gegen Argentinien erfahren hat, nicht unbemerkt geblieben sein. Wie üblich wird die FA Englands Turnierleistung nach der Rückkehr nach dem Spiel um Platz drei am Samstag gegen Frankreich analysieren. Während der Halbfinaleinzug vom Verband noch als Erfolg gewertet wird, ist klar, dass die Umstände der Niederlage gegen Argentinien noch eingehend zu besprechen sind.
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