„Passiv“ und „zerbröselt“ – kosteten Tuchels Defensivtaktiken England den Finaleinzug?

Kurzüberblick
England führte im WM-Halbfinale gegen Argentinien 1:0, doch nach defensiven Wechseln von Trainer Thomas Tuchel drehte der Titelverteidiger die Partie und gewann 2:1. Experten kritisieren die passive Spielweise und die späten Offensivwechsel scharf.
England stand kurz vor dem Einzug ins erste WM-Finale der Männer seit 1966. Mit einer 1:0-Führung gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien schien der Traum zum Greifen nah – doch dann brach er in den letzten Minuten auseinander.
Enzo Fernández glich in der 85. Minute mit einem wuchtigen Schuss aus, bevor Lautaro Martínez in der 92. Minute per Kopf den Siegtreffer erzielte. Beide Tore bereitete Lionel Messi vor. Mit einem Schlag waren Englands WM-Träume zerstört.
Dabei hatte England hart gearbeitet, um durch Anthony Gordon in der 55. Minute in Führung zu gehen – und ließ sich dann zurückfallen. Die Entscheidung von Teammanager Thomas Tuchel, auf Defensive zu setzen, schlug spektakulär fehl.
Stattdessen zieht Argentinien ins Finale am Sonntag gegen Spanien im New York New Jersey Stadium (20:00 Uhr MESZ) ein. Doch hätte England nach der Führung auf das zweite Tor gehen sollen? Stattdessen hatte das Team vom Zeitpunkt der Führung bis zum Gegentreffer nur 12 % Ballbesitz.
Tuchel brachte die Stürmer Marcus Rashford und Ivan Toney erst tief in der Nachspielzeit, während er nach der Führung mit Ezri Konsa, Dan Burn und Nico O'Reilly drei Defensivspieler einwechselte.
„Wir sind zerbröselt“ – scharfe Kritik von Experten
„Wir sind zerbröselt“, sagte der frühere englische Kapitän Wayne Rooney der BBC. „Es fing beim Trainer an und bei den Entscheidungen, die er traf. Es war zu passiv. Gegen diese Mannschaft, den Weltmeister, kommt man damit nicht durch. Das war der größte Test, und wir haben ihn nicht bestanden.“
Chris Sutton, Premier-League-Sieger mit Blackburn 1994/95, nannte es eine „Trainer-Katastrophe“. „Man kann nicht erwarten, 30 Minuten lang gegen die Qualität Argentiniens zu verteidigen. Es liegt alles am Coach. Er hat die Wechsel vorgenommen. Er war negativ. Wie kann man Thomas Tuchel vertrauen, diese Mannschaft weiterzuführen?“
Alan Shearer, ebenfalls früherer Kapitän, ergänzte: „Tuchel hat seine Karten sehr, sehr früh ausgespielt, und das hat sich gerächt. Der Unterschied ist, dass man gegen Norwegen oder Mexiko durch Hängen und Würgen ein Ergebnis über die Zeit retten kann. Aber Argentinien hat die Qualität, einen dafür zu bestrafen.“
Die entscheidenden Wechsel und ihre Folgen
Nach Gordons Führung erwarteten viele, dass Tuchel auf das zweite Tor drängen würde – doch der Deutsche reagierte defensiv. In der 72. Minute brachte er Konsa für Gordon und stellte auf eine Fünferkette um, zehn Minuten später folgten Burn und O'Reilly. Rashford und Toney kamen erst in der Nachspielzeit.
„Ich hatte das Gefühl, dass wir bei den Wechseln bei 1:0 keine Verlängerung mehr erreichen würden, falls Argentinien trifft“, sagte Rooney. Micah Richards, früherer englischer Verteidiger, meinte: „Als England das erste Tor erzielte, hätten sie auf das zweite gehen müssen. Ja, man respektiert ihre Qualität, aber durch das Zurückfallen ließ man Argentinien in seinen Rhythmus kommen.“
Selbst Argentiniens Torwart Emiliano Martínez gab zu, dass sich das Momentum nach der Führung änderte: „Manchmal muss man nach vorne gehen, wenn man führt. Man kann den Spielplan nicht ändern. Ich denke, sie haben es getan und zusätzliche Verteidiger gebracht.“
„Zu passiv“ – Tuchel verteidigt seine Taktik
Tuchel selbst zeigte sich nach dem Spiel ohne Reue. „Wir haben uns für eine Fünferkette entschieden, um die Lücken zu schließen. Direkt nach unserem Tor haben wir ohne Auswechslungen viel zu viele Flanken und Chancen zugelassen, also haben wir versucht zu helfen. Die Verantwortung liegt beim Trainer. Wenn es nicht gut läuft, ist es leicht zu sagen, es war falsch.“
Kapitän Harry Kane, der bei der nächsten WM fast 36 Jahre alt sein wird, deutete an, dass mehr möglich gewesen wäre: „Als wir 1:0 führten, schienen wir zu versuchen, das Ergebnis zu halten, was auf diesem Niveau nicht reicht. Es ist einfach niederschmetternd, weil wir so hart gearbeitet haben.“
Die Statistik untermauert die Kritik: Zwischen der 66. und 85. Minute vollendete England nur drei von acht Passversuchen – alle von Torwart Jordan Pickford (2) und Innenverteidiger John Stones (1). In dieser Phase hatte England 12 % Ballbesitz, keinen einzigen Ballkontakt im gegnerischen Strafraum, während Argentinien 88 % der Ballbesitzzeit und 15 Kontakte in Englands Box verzeichnete. Jude Bellingham und Harry Kane hatten in dieser Zeit keinen einzigen Ballkontakt im argentinischen Strafraum.
Für einen Trainer, dessen Teams für Kontrolle bekannt sind, dürfte diese Analyse besonders schwer zu verdauen sein.
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