Warum fallen bei der WM 2026 so viele späte Tore?

Kurzüberblick
Bei der WM 2026 fallen auffällig viele Tore in der Schlussphase: 29,2 % aller Treffer erzielten die Mannschaften nach der 75. Minute.
Warum fallen bei der WM 2026 so viele Tore in der Schlussphase? Diese Frage beschäftigt Fans und Experten gleichermaßen, denn die Statistik ist bemerkenswert: Von den bisher 96 Turniertoren wurden 28 zwischen der 76. Minute und dem Abpfiff erzielt – das entspricht 29,2 Prozent aller Treffer. Damit ist die letzte Viertelstunde (inklusive Nachspielzeit) der torreichste Abschnitt einer Partie. Zum Vergleich: Im Zeitraum unmittelbar vor der Halbzeitpause (31. bis 45. Minute) fielen 19 Tore, der zweithöchste Wert.
Ein extremes Beispiel: Schweiz gegen Bosnien
Besonders eindrucksvoll zeigte sich der Trend im Spiel der Schweiz gegen Bosnien und Herzegowina. Bis zur 70. Minute stand es noch unentschieden, doch dann wechselte das Spiel komplett. Der eingewechselte Johan Manzambi benötigte nur drei Minuten, um sein erstes Tor zu erzielen. Am Ende hatte er zwei Treffer auf dem Konto, die Schweiz traf insgesamt viermal nach der 70. Minute – und Bosnien wurde erst das dritte Team in der WM-Geschichte, das vier oder mehr Gegentore ab der 70. Minute hinnehmen musste.
Dieses Spiel ist ein extremes Beispiel für ein Phänomen, das die Weltmeisterschaft 2026 prägt. Zwanzig Nationen haben bereits in der Schlussviertelstunde oder der Nachspielzeit getroffen, wobei die Schweiz mit drei Toren in diesem Zeitraum die Spitzenposition einnimmt.
Trinkpausen der FIFA: Zufall oder Katalysator?
Ein interessanter Nebenaspekt ist der Zeitpunkt dieser Tore. Die FIFA hat bei diesem Turnier obligatorische Trinkpausen eingeführt – etwa in der 22. Minute der ersten Halbzeit und in der 67. Minute der zweiten Halbzeit – um den Spielern bei den sommerlichen Temperaturen in den USA, Kanada und Mexiko zu helfen. Ob Zufall oder nicht: Die beiden torreichsten Phasen des Turniers liegen jeweils nach diesen Unterbrechungen. Ein direkter kausaler Zusammenhang ist schwer zu belegen, aber das Muster wirft die Frage auf, ob die Trinkpausen nicht nur der Hitze entgegenwirken, sondern auch die Voraussetzungen für Tore schaffen.
Die Maßnahme steht in der Kritik, da die Pausen selbst in klimatisierten Stadien obligatorisch sind. Unabhängig von der Temperatur bieten sie den Trainern jedoch zusätzliche Gelegenheiten, ihre Mannschaften neu zu ordnen, die Formation anzupassen und kurze Ansprachen vom Spielfeldrand zu halten. Diese taktischen Neujustierungen könnten ein Faktor für die Häufung von Toren unmittelbar nach den Pausen sein.
Kein neuer Trend, aber ein verstärkter
Späte Tore sind kein neues Phänomen bei Weltmeisterschaften. In der Geschichte des Turniers war der Zeitraum ab der 76. Minute stets der torreichste. Analysen früherer Turniere zeigen, dass etwa ein Viertel aller WM-Tore in dieser Phase fällt. Doch die Zahlen in Nordamerika stechen selbst im modernen Vergleich hervor.
Bei der WM 2022 in Katar wurden 24,4 Prozent der Tore in den letzten 15 Minuten erzielt, 2018 in Russland waren es 23,0 Prozent, 2014 in Brasilien 23,9 Prozent. Der aktuelle Wert von 29,2 Prozent – nach knapp einem Drittel der insgesamt 104 Spiele – liegt deutlich höher. Nur die WM 2006 in Deutschland, als 30,6 Prozent aller Tore in der Schlussphase fielen, bietet einen vergleichbaren Präzedenzfall unter den jüngeren Turnieren.
Erschöpfung schafft Räume
Die naheliegendste Erklärung ist körperliche Erschöpfung. Defensivarbeit erfordert Konzentration, Kommunikation und ständige Bewegung. Mit zunehmender Ermüdung häufen sich kleine Fehler: ein falsch timingtes Tackling, ein verlorener Läufer oder ein kurzer Aussetzer können auf höchstem Niveau spielentscheidend sein. Der moderne Fußball stellt enorme physische Anforderungen an die Spieler, insbesondere bei Turnieren mit kurzen Erholungszeiten und vielen Spielen in schneller Folge. In den letzten 15 Minuten sind die Abwehrreihen oft gedehnt, und es entstehen Räume, die es zuvor nicht gab – für kreative Angreifer eine entscheidende Gelegenheit.
Der Einfluss von Einwechslungen
Frische Kräfte sind zu einer der mächtigsten Waffen im internationalen Fußball geworden. Da die Teams nun fünf Auswechslungen vornehmen dürfen, bringen Trainer in der Schlussphase regelmäßig Tempo und Angriffsschwung. Stürmer, die gegen Verteidiger antreten, die bereits über eine Stunde große Distanzen zurückgelegt haben, haben einen strukturellen Vorteil. Manzambis Leistung gegen Bosnien ist ein perfektes Beispiel: Seine Schnelligkeit, Beweglichkeit und Frische veränderten sofort den Spielfluss. Ähnliche Szenen haben sich im Turnier mehrfach wiederholt.
Doch Auswechslungen können auch unbeabsichtigte Folgen haben. Die Niederlande führten gegen Japan mit 2:1 und hatten 70 Prozent Ballbesitz, als Ronald Koeman drei Spieler auswechselte. Durch die Herausnahme der Flügelspieler Crysencio Summerville und Donyell Malen verloren die Niederländer die Fähigkeit, Japans Abwehrkette auseinanderzuziehen. Hajime Moriyasus Team konnte höher schieben, der niederländische Ballbesitz sank drastisch, und der Druck Japans zahlte sich aus: Der eingewechselte Koki Ogawa köpfte in der 88. Minute nach einer Hereingabe von Daichi Kamada den Ausgleich. Die beiden Beispiele unterstreichen die wachsende Bedeutung der Bank: Bei der WM 2026 verändern Auswechslungen nicht nur das Personal, sondern zunehmend auch den Spielverlauf.
Jagd auf Tore verändert alles
Auch die Taktik spielt eine große Rolle. Eine Mannschaft, die mit einem Tor führt, versucht oft, den Vorsprung zu verwalten. Ein Team, das zurückliegt, wirft häufig alle Vorsicht über Bord. Außenverteidiger rücken auf, Mittelfeldspieler gehen höhere Risiken ein, Innenverteidiger kommen bei Standards mit nach vorne. Die defensive Balance wird geopfert, um den Ausgleich zu erzwingen. Diese Entscheidungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Toren auf beiden Seiten: Die angreifende Mannschaft kreiert mehr Chancen, lässt aber auch größere Räume für Konter. Viele der späten Tore des Turniers sind aus genau solchen Situationen entstanden, wobei die Spiele mit zunehmender Spieldauer immer offener werden.
Mehr Nachspielzeit als je zuvor
Ein weiterer Faktor ist die veränderte Nachspielzeit. In früheren Jahrzehnten gaben Schiedsrichter oft nur ein oder zwei Minuten pro Halbzeit dazu. Bei modernen Turnieren ist das anders. Die FIFA hat die Unparteiischen angewiesen, Unterbrechungen, Auswechslungen, Verletzungen und Torjubel genauer zu erfassen. Zusätzliche Maßnahmen zur Vermeidung von Zeitverschwendung haben die effektive Spielzeit erhöht. Infolgedessen umfasst die „letzte Viertelstunde“ heute oft deutlich mehr Fußball als früher.
Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte der 1:0-Sieg Ghanas gegen Panama. Obwohl zunächst sechs Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden, führten Caleb Yirenkyis Siegtor in der 95. Minute und die anschließenden Unterbrechungen dazu, dass die Partie letztlich über die 101-Minuten-Marke hinausging. Der Treffer des 20-Jährigen ist bislang das späteste Siegtor der WM 2026. In der Praxis kann ein modernes WM-Spiel heute zehn oder sogar zwölf zusätzliche Minuten nach der 90. Minute umfassen, was das Zeitfenster für entscheidende Momente verlängert und Einwechselspielern mehr Gelegenheit gibt, das Spiel zu beeinflussen.
Warum Fans dranbleiben sollten
Für die Zuschauer bestätigt der Trend eine altbekannte Lektion: Keine Führung ist wirklich sicher. Einige der ikonischsten Momente der WM-Geschichte fielen in dem Moment, als die Uhr bereits abzulaufen schien. Roberto Baggios Rettungstat für Italien gegen Nigeria 1994, Dennis Bergkamps unvergesslicher Siegtreffer für die Niederlande gegen Argentinien 1998 und Toni Kroos‘ Freistoß in der Nachspielzeit, der Deutschland mit zehn Mann drei Punkte gegen Schweden bescherte, sind nur einige Beispiele. Die WM 2026 bildet da keine Ausnahme. Wenn überhaupt, dann deuten die ersten Turnierwochen darauf hin, dass der Schlusspfiff noch nie so fern war wie heute. Da fast ein Drittel aller Tore nach der 75. Minute fällt, ist die gefährlichste Phase eines WM-Spiels zunehmend seine letzte.
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