Taktikanalyse: England begeistert, aber wie können sie sich stabilisieren?

Kurzüberblick
Englands 4:2-Sieg gegen Kroatien war offensiv mitreißend, offenbarte aber defensive Schwächen. Die Analyse zeigt, wie Angriffs- und Abwehrverhalten zusammenhängen und wo Tuchels Team nachbessern muss.
Englands 4:2-Auftaktsieg gegen Kroatien bei der Weltmeisterschaft war ein Fest für die Offensive, doch die Defensive zeigte sich anfällig. Die Mannschaft von Thomas Tuchel wirkte mehrfach offen und ließ Gegentore zu, die auf strukturelle Probleme hindeuten. Im Fußball beeinflusst das Angriffsverhalten stets die Defensive und umgekehrt – daher ist es entscheidend, beide Phasen gemeinsam zu betrachten. In dieser Analyse beleuchten wir die Gründe, warum England im ersten Gruppenspiel defensiv weniger stabil wirkte als in vorherigen Partien unter Tuchel.
Harry Kane in der Mittelfeldfalle
In der ersten Hälfte startete England zahlreiche gefährliche Direktangriffe. Die Taktik: Zunächst spielte das Team den Ball zurück, um den Gegner zu einem hohen Pressing zu verleiten. Declan Rice zog dabei auf eine Außenposition, räumte seine zentrale Mittelfeldposition und schuf Raum, in den Harry Kane tief fallen konnte. Während Kroatien mit vielen Spielern presste, schaltete Kane mit langen Pässen auf die Läufer Anthony Gordon, Jude Bellingham und Noni Madueke, die sich oft in einer 3-gegen-3-Situation wiederfanden.
Dies führte zu großen Chancen, bedeutete aber auch: Verlor England den Ball in frühen Phasen des Spielaufbaus, stand Kane anstelle von Rice in zentralen defensiven Positionen. Das erklärt teilweise die defensive Instabilität – ein Muster, das sich im Spiel mehrfach zeigte.
Häufige Ballverluste durch zu direktes Spiel
Beim Versuch, durch Rückpässe Druck von Kroatien zu provozieren und dann lang in die Räume zu spielen, fand England nicht immer die richtige Balance. Anthony Barry, Co-Trainer von England, sprach in der Halbzeitpause dieses Problem an: „Ich denke, da war viel nervöse Energie am Anfang. Dann trafen wir Entscheidungen, lang zu spielen, wenn wir kurz hätten spielen sollen, und kurz, wenn lang besser gewesen wäre. Wir haben nicht durch die Lücken gespielt, um unser Spiel so zu beschleunigen, wie wir es wollten.“
Durch zu frühe und zu häufige lange Bälle verlor England den Ball öfter als gewünscht. Die erste Hälfte wurde zu einem offenen Schlagabtausch, der dem Gegner Räume für Konter bot. Ein weiterer Faktor: Kroatiens gezieltes Pressing auf Torhüter Jordan Pickford. Wenn Pickford den Ball hatte, wurde er unter Druck gesetzt, was ihn zu langen Abschlägen zwang und Kroatien die Kontrolle zurückgab.
Pressing über weite Distanzen – Englands offene Flanken
Betrachtet man das Defensivverhalten ohne Ball, fällt auf: In der ersten Hälfte pressten Gordon, Kane und Madueke die kroatische Dreierkette. Sobald der Ball zu Kroatiens rechtem Schienenspieler gelangte, musste Nico O'Reilly weite Wege zurücklegen, um Druck auszuüben. Das gab den kroatischen Außenspielern Zeit und Raum, den Ball nach vorne zu tragen.
Manndeckung als kostspielige Angewohnheit
Englands Pressingbereitschaft führte zu Problemen, wenn das Team tiefer in der eigenen Hälfte verteidigte. Beim hohen Pressing orientieren sich Spieler oft mannorientiert an einem Gegenspieler. Beim Zurückfallen in eine tiefere Defensivformation waren die Engländer unentschlossen und verfolgten häufig ihren Mann, anstatt in einer traditionellen Zonenverteidigung zu agieren.
Vor dem zweiten Gegentor Kroatiens verfolgte Kane Modric bis in eine Position, die wie ein defensives Mittelfeld wirkte. Madueke rückte ins zentrale Mittelfeld, Bellingham wich auf die Außenbahn aus – Rollen, die keinem dieser Spieler liegen. Während des Spiels wechselte England von einer Vierer- in eine Fünferkette, indem Rice oder Anderson zurückfielen. Theoretisch sollte dies zahlenmäßig Kroatiens vorderer Fünferreihe entsprechen und die Räume zwischen den Innenverteidigern verkleinern.
Doch beim zweiten Gegentor wurde diese situative Fünferkette gestört: Anderson und Bellingham ließen sich von Martin Baturina, der ins Mittelfeld zurückwich, anlocken. Dadurch entstand eine Lücke zwischen Reece James und Ezri Konsa. Ohne Druck auf den Ball konnte ein gefühlvoller Pass Ivan Perisic in diese Lücke finden, dessen Weiterleitung Petar Musa zum Tor verwertete.
In der zweiten Hälfte änderte England seine Pressingstrategie: Statt die gesamte kroatische Abwehrkette zu attackieren, lenkte das Team den Gegner auf eine Seite, um aggressiver nachrücken zu können.
Verbesserungspotenzial, aber positive Ansätze
Hoch pressende Mannschaften haben bei dieser Weltmeisterschaft bislang oft Probleme gehabt. Umso ermutigender ist, dass Tuchel die Defensivtaktik während des Spiels anpassen konnte. Wenn England in einem tiefen Block verteidigt, muss die Mannschaft noch daran arbeiten, nicht durch gegnerische Laufwege auseinandergerissen zu werden. Auch das Zurückfallen von Rice oder Anderson in die Fünferkette hinterließ Lücken im zentralen Mittelfeld, die an einem anderen Tag bestraft worden wären.
Der größte Pluspunkt war die Verbesserung im Ballbesitz. Wenn England das Tempo kontrollieren und den Ball dominieren kann, wird die Zeit, die das Team in der eigenen Hälfte verbringt, hoffentlich geringer ausfallen.
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