Höhenangst im Aztekenstadion: Wie die dünne Luft England fordert

Kurzüberblick
England trifft im Achtelfinale der WM auf Mexiko – und das im legendären Estadio Azteca auf 2.200 Metern Höhe. Die dünne Luft beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit der Spieler erheblich, während Mexiko als Heimteam bestens angepasst ist.
Nach dem mühevollen 2:1-Sieg gegen die DR Kongo im Achtelfinale der Weltmeisterschaft steht England vor einer Herausforderung, die sie nicht durch Taktik oder Technik kontrollieren können: die Höhenlage. Das Spiel gegen Mexiko findet im legendären Estadio Azteca in Mexiko-Stadt statt, das auf 2.200 Metern über dem Meeresspiegel liegt. Es ist Englands erstes Spiel in diesem Stadion seit der umstrittenen Viertelfinalniederlage gegen Argentinien bei der WM 1986.
In dieser Höhe ist der Luftdruck geringer, die Luft dünner und mit jedem Atemzug gelangt weniger Sauerstoff in den Blutkreislauf. Für Profifußballer hat das erhebliche Auswirkungen: erhöhte Herzfrequenz, Kurzatmigkeit, Dehydrierung und schnellere Ermüdung. Zum Vergleich: Das Stadion mit der höchsten Lage im englischen Profifußball ist The Hawthorns von West Bromwich Albion mit 168 Metern – 14-mal näher am Meeresspiegel als die Azteca.
Mexikos Heimvorteil: Unbesiegt in der Höhe
Mexiko hat alle seine WM-Spiele bisher auf heimischem Boden bestritten und ist die Höhe gewohnt. Seit 2020 haben sie 14 Spiele in der Azteca bestritten, dabei 23 Tore erzielt und nur vier Gegentore kassiert. Ihre Wettbewerbsbilanz in der Azteca: 70 Siege aus 89 Spielen, 17 Unentschieden und nur zwei Niederlagen. Zudem sind sie in zehn WM-Spielen dort ungeschlagen. „Als Gegner weißt du, wenn du dort hingehst, wirst du leiden“, sagt Pavel Pardo, ehemaliger mexikanischer Kapitän, der für Club América in der Azteca spielte.
„Der anstrengendste Ort, an dem ich je Fußball gespielt habe“
Nur wenige englische Spieler haben seit 1986 in der Azteca gespielt. Nigel Reo-Coker, ehemaliger Mittelfeldspieler von West Ham, der 2015 mit Montreal Impact im CONCACAF-Champions-League-Finale dort spielte, beschreibt die Erfahrung: „Es ist der körperlich anstrengendste Ort, an dem ich je Fußball gespielt habe. Aus Europa zu kommen und in dieser Höhe zu spielen, ist so schwer. Du kannst nicht zu Atem kommen. Die ersten 45 bis 55 Minuten kämpfst du buchstäblich nur darum, weiterzuatmen. Es geht um fußballerische Intelligenz – du musst wirklich genau wählen, wann du dich anstrengst.“
Die dünnere Luft beeinflusst auch den Ball: Flanken kommen schneller, was taktische Anpassungen erfordert. Jason de Vos, ehemaliger Spieler und Trainer Kanadas, der mehrfach in der Azteca spielte, erklärt: „Du kannst einen Ball aus 40 Metern gefährlich aufs Tor bringen. Du merkst sofort, dass das Spiel viel schneller ist als gedacht. Als Trainer musst du deine Taktik anpassen – du kannst nicht über 90 Minuten pressen, das ist einfach nicht möglich.“
Wissenschaftliche Perspektive: 10 % weniger Leistungsfähigkeit
Idealerweise sollten Sportler ein bis zwei Wochen in der Höhe akklimatisieren, um mehr rote Blutkörperchen zu bilden. England kommt jedoch erst zwei Tage vor dem Spiel in Mexiko-Stadt an. Dr. Barney Wainwright von der Leeds Beckett University erklärt: „Die maximale aerobe Kapazität sinkt in dieser Höhe um etwa 10 %, was die Leistung beeinträchtigt. Die Ermüdung nimmt um 15–20 % zu, die mögliche Laufleistung um 5–10 %. Die Spieler produzieren schneller Laktat, was die Muskeln übersäuert und sie verlangsamt. Die maximale Sprintgeschwindigkeit bleibt zwar erhalten, aber die Erholungszeit zwischen den Sprints verlängert sich.“
Da Sauerstoff auch für die Gehirnfunktion wichtig ist, könnten Entscheidungen in entscheidenden Momenten leiden. Wainwright empfiehlt: „England sollte das Spiel verlangsamen, um den Spielern mehr Erholungszeit zwischen intensiven Phasen zu geben.“
Im Vergleich dazu spielt die englische Rugby-Union-Nationalmannschaft am Samstag in Johannesburg auf 1.753 Metern Höhe – 1.200 Meter niedriger als die Azteca – und bereitet sich mit speziellen Masken vor, die die Sauerstoffzufuhr reduzieren. Für die Fußballer ist die Vorbereitung jedoch schwieriger, da sie zuvor auf Meereshöhe trainiert haben. „Es ist Schadensbegrenzung“, sagt Wainwright. „Einige Spieler werden kaum beeinträchtigt, andere kämpfen sichtbar. Ich erwarte viele Auswechslungen in der zweiten Halbzeit.“
Mexikos Vorteil: Eingespielt und heimstark
Mexiko hat alle vier WM-Spiele gewonnen, acht Tore erzielt und keins kassiert. Der Kader hat vielleicht weniger individuelle Klasse – nur vier der 26 Spieler sind in einer der fünf Top-Ligen Europas aktiv –, aber die Mannschaft überzeugt durch Arbeitsmoral und taktische Disziplin. Hinzu kommt die Gewöhnung an die Höhe, auch wenn die Gegner oft aus Nord- und Mittelamerika kamen. Pardo beschreibt den Effekt: „Man konnte an der Körpersprache des Gegners sehen, besonders in der zweiten Halbzeit, dass sie viel müder waren. Sie verlieren den Atem, und du denkst: ‚Okay, wir sind hier, zu Hause mit unseren Fans, sie kämpfen, wir schaffen das.‘“
England steht vor einer doppelten Herausforderung: nicht nur gegen ein starkes mexikanisches Team, sondern auch gegen die dünne Luft. Die Frage ist, ob die Three Lions ihre Spielweise anpassen und die körperlichen Nachteile ausgleichen können.
Mehr zu diesen Themen

Gueye legt Nationalmannschafts-Auszeit bis Trainerwechsel ein
Senegals Mittelfeldspieler Pape Gueye pausiert von der Nationalmannschaft, solange das aktuelle Trainerteam um Pape Thiaw im Amt ist. Der 27-Jährige reagiert damit auf das dramatische Achtelfinal-Aus gegen Belgien bei der Weltmeisterschaft.

Kane rettet England: Last-Minute-Sieg gegen DR Kongo
Harry Kane bewahrte England mit zwei späten Toren vor einer Blamage gegen die DR Kongo. Der 2:1-Sieg sichert das Achtelfinale gegen Mexiko im Aztekenstadion, doch Trainer Thomas Tuchel hat viele Baustellen.

Tuchel: Höhenlage bleibt ein großer Nachteil für uns
Thomas Tuchel räumt ein, dass die Höhenlage in Mexiko ein entscheidender Vorteil für den Gegner ist. Die deutsche Mannschaft könne sich nicht rechtzeitig anpassen, müsse aber dennoch die richtige Einstellung zeigen.

Zwei Vorlagen für Anthony Gordon – Englands Schlüsselspieler beim Comeback
Anthony Gordon glänzte mit zwei Torvorlagen und war maßgeblich am Comeback der englischen Nationalmannschaft beteiligt. Der Flügelspieler von Newcastle United festigt damit seinen Status als wichtiger Bestandteil des Teams.



