Ist Fußballgucken bei der WM gefährlich für die Gesundheit?
Kurzüberblick
Ein Selbstversuch während des England-Spiels gegen Kroatien zeigt: Fußballschauen löst eine klassische Stressreaktion aus. Für gesunde Menschen kann das sogar positiv sein, doch für Risikopatienten birgt es Gefahren.
Ist es gefährlich für die Gesundheit, England bei der Weltmeisterschaft zuzusehen? Diese Frage stellte sich ein Journalist der BBC und ließ sich während des Eröffnungsspiels gegen Kroatien von zwei Wissenschaftlern der University of South Wales verkabeln. Das Experiment sollte zeigen, wie der Körper auf die emotionalen Höhen und Tiefen eines Fußballspiels reagiert.
Das Experiment: Verkabelt im Pub
Die Forscher Prof. Damian Bailey und sein Doktorand Danny Walmsley packten ihre Laborausrüstung ins Auto und trafen sich mit dem Journalisten in der Wiper and True Taproom in Bristol. Um die Wissenschaft nicht zu gefährden, mied man bewusst einen walisischen Pub – trotz der Verbundenheit des Journalisten mit Wales. Im Pub angekommen, wurde der Proband mit einer Vielzahl von Messgeräten ausgestattet: Sonden, Kabeln und Manschetten an Arm und Hand, Ultraschallsonden am Kopf, um die Durchblutung des Gehirns zu messen, sowie einem Speicheltest, der auf über 2000 Proteine, darunter das Stresshormon Cortisol, untersucht werden sollte. Zudem atmete der Proband in ein Gerät, das die Atemfrequenz und den Kohlendioxidgehalt der Ausatemluft maß. „Nichts davon ist bierfest, geschweige denn wasserdicht“, scherzte Bailey angesichts der heiklen Umgebung.
Die Messwerte zu Spielbeginn
Vor dem Anpfiff zeigten die Geräte einen entspannten Zustand: Der Puls lag bei etwa 54 Schlägen pro Minute, der Blutdruck bei 115 zu 75. „Alles ist entspannt, obwohl etwa 500 Leute auf dich starren“, witzelte Bailey. Doch das sollte sich bald ändern.
Ein Spiel der Extreme
Das Spiel selbst war ein wahres Wechselbad der Gefühle: Ein Elfmeter von Harry Kane, zunächst gehalten, dann wegen eines Verstoßes des kroatischen Torwarts wiederholt und schließlich verwandelt – Tor! Die Freude war groß, doch Kroatien glich aus. England ging erneut in Führung, verspielte diese aber und ging mit einem 2:2 in die Halbzeit. „Ich denke, heute Abend wird ein echter Kracher, und das ist großartig für uns“, hatte Bailey vorausgesagt. „Ich will eine Stressreaktion sehen, Aufregung, emotionale Angst, Schreien, Vergessen zu atmen, vielleicht zu viel atmen – alles.“
Die Reaktionen der Fans
In der Halbzeitpause wurden auch andere Fans befragt. Ollie, 23, meinte, sein Herz schlage „50 Mal pro Sekunde“ und er könnte „umkippen und sterben“. Tim, 38, forderte mehr Tore für England, denn „im Moment ist es ziemlich schlecht für meine Gesundheit“. Beth, 27, zeigte sich gelassener: „Ich sehe meine Freunde, ich schreie den Fernseher an, ich trinke ein Bier.“ Anders als die meisten Zuschauer verzichteten die Wissenschaftler auf Alkohol, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.
Die Ergebnisse: Stress als Training?
Die zweite Halbzeit verlief ruhiger, England dominierte und gewann schließlich 4:2. Nach dem Spiel werteten Bailey und der Journalist die Daten aus. „Deine Physiologie hat sich wunderbar verhalten“, erklärte Bailey. „Wir sehen eine Stressreaktion, wann immer etwas Aufregendes passiert.“ Beim ersten Tor von Kane stieg der Puls innerhalb einer halben Sekunde von etwa 54 auf 69 Schläge pro Minute. Auch der Blutdruck erhöhte sich, und der Kohlendioxidgehalt in der Ausatemluft sank – ein Zeichen für leichte Hyperventilation, die zu einer verminderten Durchblutung des Gehirns führte. Der Cortisolspiegel im Speichel stieg von entspannten 4,19 nmol/L vor dem Spiel auf leicht gestresste 5,15 nmol/L nach dem Abpfiff.
Bailey verglich die Reaktion mit einer „milden Form von Sport“ – allerdings ohne Kalorienverbrauch. „Du erhöhst Dinge, die ich als gut für dich interpretieren würde, und du erholst dich sehr schnell.“ Für den Probanden, der sich selbst als fit und mit „Nerven aus Stahl“ beschreibt, sei das Zuschauen also eher gesundheitsfördernd.
Die Schattenseite: Risiken für Vorerkrankte
Doch Bailey warnt: Nicht jeder reagiere so gelassen. Manche Menschen seien „sehr empfindlich“ gegenüber Stress, ihr Puls könne um 50 bis 60 Schläge pro Minute ansteigen. Bei Personen mit bestehenden Herz- oder Hirnerkrankungen könne der Stress „in extremen Situationen“ einen Herzinfarkt auslösen, da sich die Blutgefäße verengen, der Druck steigt und das Blut „wie Honig“ eindickt. Auch Ohnmachtsanfälle seien möglich, wenn die Atmung die Durchblutung des Gehirns beeinträchtigt.
Ob Fußballgucken also gesund ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für den Probanden steht fest: „Her mit dem nächsten Spiel!“
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