Bekommt Rekordbrecher Pickford endlich die Anerkennung, die er verdient?

Kurzüberblick
Jordan Pickford wird mit seinem 18. WM-Einsatz zum englischen Rekordtorhüter. Nach einer Glanzleistung gegen Mexiko stellt sich die Frage, ob der 32-Jährige endlich die verdiente Wertschätzung erhält.
Englands Torhüter Jordan Pickford schreibt Geschichte: Wenn er am Freitag im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Miami gegen Norwegen aufläuft, wird der 32-jährige Everton-Keeper mit seinem 18. WM-Einsatz zum englischen Rekordhalter in diesem Turnier. Er übertrifft damit die bisherige Bestmarke von Peter Shilton, die seit 1990 Bestand hatte. Pickford, der in seinem fünften großen Turnier seinen 90. Länderspieleinsatz absolviert, hat sich über Jahre hinweg als unangefochtener Stammtorhüter etabliert – und das, obwohl immer wieder Zweifel an ihm laut wurden.
Eine Glanzleistung im Aztekenstadion
Besonders eindrucksvoll unterstrich Pickford seinen Wert im Achtelfinale gegen Mexiko im legendären Aztekenstadion. Beim 3:2-Sieg der Engländer zeigte er eine überragende Leistung, die maßgeblich zum Weiterkommen beitrug. Bereits in der ersten Hälfte bewahrte er sein Team mit zwei brillanten Paraden gegen Raúl Jiménez vor einem Rückstand. Nach der frühen Roten Karte für Jarell Quansah in der zweiten Halbzeit war England in der Defensive stark gefordert, doch Pickford übernahm die Verantwortung: Er kam regelmäßig aus seinem Tor, fing Flanken ab und klärte per Faust – eine mutige und reife Vorstellung, die ihm breite Anerkennung einbrachte.
Der frühere englische Nationaltorhüter Paul Robinson zeigte sich beeindruckt: „Es war eine sehr mutige Torhüterleistung. Ich habe wirklich bewundert, was er in der zweiten Halbzeit gemacht hat. Seine beiden Paraden in der ersten Halbzeit hielten England im Spiel. Ohne ihn hätten sie zur Pause bereits ausscheiden können.“ Pickfords Entwicklung sei deutlich sichtbar: „Er hat sich entschieden, Verantwortung zu übernehmen. Er kam heraus, traf Entscheidungen, holte sich Bälle – das machte das Leben für seine Verteidiger leichter. Das Leichteste für einen Torhüter ist, auf der Linie zu bleiben, weil man dann nicht kritisiert wird. Aber er zeigte Reife und Mut.“
Konstanz auf höchstem Niveau
Pickfords Statistiken untermauern seinen Status als einer der besten Torhüter der Premier League. In den letzten beiden Ligaspielzeiten kommt er auf 23 Spiele ohne Gegentor – nur David Raya von Meister Arsenal liegt mit 32 Zu-Null-Spielen vor ihm. Dabei spielt Pickford für Everton, eine Mannschaft, die oft in der unteren Tabellenhälfte kämpft, während Raya bei einem Spitzenteam steht. In 89 Länderspielen kassierte Pickford 59 Gegentore und feierte 44 weiße Westen. Laut Opta-Statistiken unterliefen ihm dabei nur zwei Fehler, die direkt zu Gegentoren führten – eine bemerkenswerte Quote.
Robinson betont: „Ich glaube, er wurde bei Everton und in der Nationalmannschaft unterschätzt, wenn man sich seine Zahlen ansieht. Er ist in den letzten zwei Saisons nur hinter David Raya, und das für sehr unterschiedliche Teams. Bei England sieht man seine Erfahrung, wie er tief in Turniere vorgedrungen ist. Ich spreche immer von wettbewerbsrelevanten Einsätzen – er hat viele Turniereinsätze, und das ist enorm wichtig.“
Pickfords Entwicklung als Persönlichkeit
Robinson hebt auch Pickfords persönliche Reife hervor: „Er ist als Mensch und Profi gereift. Er hat an sich gearbeitet. Er ist ein exzellenter Schusshalter, sein Aufbauspiel ist unübertroffen. Man sieht, dass sein langer Ball hervorragend ist – England nutzte das gegen Mexiko als Waffe, einer der Treffer resultierte daraus. Auch sein kurzes Passspiel hat er verbessert. Er hat sich als Torhüter und als Mensch weiterentwickelt. Ich mag, was ich sehe.“
Pickfords unangefochtener Status
Seit seinem Debüt im November 2017 gegen Deutschland hat Pickford alle Herausforderer abgewehrt. Bei der WM 2018, als England im Halbfinale an Kroatien scheiterte, war er erstmals die Nummer eins. Seitdem hat er sich in jedem Turnier behauptet, auch unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel, der zunächst Zweifel an ihm gehabt haben soll. Doch wie schon unter Vorgänger Gareth Southgate ist Pickford auch unter Tuchel die unumstrittene Nummer eins.
Robinson erklärt: „Ich glaube, er ist der erste Name auf dem Mannschaftsbogen. Es gibt niemand anderen. Als Nation sind wir wieder mit einem Torhüter in ein großes Turnier gegangen, der viele Einsätze vorweisen kann, während die anderen nur eine Handvoll haben. Ich habe vor dem Turnier die Statistiken gecheckt: Von den fünf Torhütern, die neben Jordan Pickford hätten nominiert werden können, hatten sie zusammen elf Pflichtspieleinsätze.“
Die Diskussion um die Torhüterposition sei so leise wie seit David Seamans Zeiten nicht mehr, so Robinson: „Es wird immer eine Meinung geben – ob Peter Shilton, David Seaman, David James oder ich selbst. Aber Jordan Pickford hat es geschafft, dass diese Diskussion verstummt ist. Er war einfach zu gut. Niemand sagt mehr, dass er nicht spielen sollte. Das ist das größte Kompliment, das man ihm machen kann.“
Die Herausforderung Norwegen
Pickfords Glanzleistung gegen Mexiko gibt England Rückenwind für das Viertelfinale gegen Norwegen, das sich im Achtelfinale mit einem 2:0-Sieg gegen Brasilien eindrucksvoll in Szene setzte. Besonders Norwegens Stürmerstar Erling Haaland stellt eine enorme Bedrohung dar. Robinson ist zuversichtlich: „Ich glaube, Jordan Pickfords Selbstvertrauen ist auf einem Allzeithoch, und das des Teams auch nach dem Sieg gegen Mexiko. Ich habe sie im Fernsehen kritisiert, als Thomas Tuchel nach 71 Minuten auf eine Fünferkette umstellte. Ich dachte, sie würden das nicht überstehen – und das wäre ein Vorwurf gewesen. Aber es ging gut, und Jordan Pickford hatte großen Anteil daran.“
Pickford selbst wird sich der historischen Dimension seines Rekords bewusst sein. Mit 18 WM-Einsätzen übertrifft er nicht nur Peter Shilton, sondern festigt auch seinen Platz in den Geschichtsbüchern des englischen Fußballs. Die Frage, ob er endlich die Anerkennung erhält, die er verdient, scheint nach dieser Leistung beantwortet – zumindest für den Moment.
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