VAR bei der WM: Anders als in der Premier League?

Kurzüberblick
Obwohl die VAR-Eingriffe pro Spiel bei der WM höher sind als in der Premier League, wirkt der Videobeweis bei der WM weniger kontrovers. Gründe sind schnellere Entscheidungen, weniger Fouls und eine andere Darstellung durch die TV-Übertragung.
Der Videobeweis (VAR) ist in der Premier League zu einem eigenen Sport geworden – dem des Beschwerens. Bei der Weltmeisterschaft 2026 hingegen wirkt das System deutlich unauffälliger. Überraschenderweise ist die Rate der VAR-Eingriffe pro Spiel bei der WM jedoch höher als in der englischen Liga in der vergangenen Saison.
Wahrnehmung kann genauso mächtig sein wie Fakten, besonders in der emotional aufgeladenen Welt des Fußballs. Bei einer WM folgen die Spiele Schlag auf Schlag; kaum ist ein Vorfall passiert, überspült ihn bereits die nächste Partie. In der Premier League, wo Fans ein direktes Interesse an jedem Spiel haben, ebbt die Kontroverse nicht so schnell ab.
Warum fühlt sich die WM anders an?
VAR bei der WM blieb nicht ohne Kontroversen. Denken Sie an die rote Karte für Südafrikas Themba Zwane wegen groben Foulspiels im Eröffnungsspiel oder die abgelehnte Strafstoßüberprüfung, nachdem Frankreichs Kylian Mbappe von Senegals Sadio Mane zu Fall gebracht worden zu sein schien. Doch insgesamt gab es nur wenige Aufreger. Das ist typisch für große Turniere, da Spieler im Vergleich zu einer 38-Spiele-Saison weniger Risiken eingehen.
Im Durchschnitt gibt es pro WM-Spiel einen entscheidenden Vorfall (rote Karte, Strafstoßanspruch etc.), in der Premier League sind es drei. Das schafft sofort mehr Raum für Kontroversen auf Liganiveau. Zudem sollte die Schiedsrichterleistung bei der WM der Goldstandard sein, schließlich hat die FIFA die 51 besten Schiedsrichter und 30 besten Video-Assistenten ausgewählt.
Collinas Ansatz: Weniger Fouls, weniger Eingriffe
Pierluigi Collina, FIFA-Schiedsrichterchef, möchte, dass seine Unparteiischen das Turnier ähnlich wie ein Premier-League-Spiel angehen. Seine Philosophie: Fußball ist eine Kontaktsportart, und nicht jeder Kontakt ist ein Foul. Er wünscht sich flüssige Spiele mit höherem Tempo – eine Formulierung, die direkt aus dem Premier-League-Handbuch stammen könnte. Die Statistik untermauert dies: Die Schiedsrichter pfeifen deutlich weniger Fouls. Bei der WM 2018 gab es 27 Fouls pro Spiel, in Katar 2022 waren es 25, nun sind es 21,7. In der Premier League lag der Wert in der letzten Saison bei 21,6. Collina hat auch die Anzahl der Verwarnungen pro Spiel reduziert: 2,4 liegen weit unter denen anderer Wettbewerbe oder früherer WM-Turniere.
Wenn sich die Art der Spielleitung ändert, muss sich auch die Videoüberprüfung anpassen. Collinas Wunsch nach einer höheren Schwelle für Fouls auf dem Feld wirkt sich direkt auf den VAR aus. Der Italiener fordert Konsistenz: Wenn mehr Tacklings durchgelassen werden, müssen weniger VAR-Eingriffe erfolgen. Beide Messlatten müssen sich gleichzeitig bewegen. Ein Beispiel: Die Strafstoßansprüche von Schottlands John McGinn und Scott McTominay gegen Marokko waren zwar vorhanden, aber für Collinas Schwelle zu weich.
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung hat die Premier League mit 0,29 Eingriffen pro Spiel die niedrigste VAR-Eingriffsrate in Europa. Die hohe Hürde, von der in England so oft die Rede ist, hat nun auch die WM erreicht. In Katar gab es 0,41 Eingriffe pro Spiel, bei dieser WM sind es 0,33 – deutlich näher an der Premier-League-Interpretation. Zum Vergleich: In der Champions League lag die Rate in der letzten Saison bei 0,47 Eingriffen pro Spiel, also fast jeder zweiten Partie. Auch bei den subjektiven Überprüfungen, bei denen der Schiedsrichter zum Monitor gehen muss, ähneln sich WM (0,15 pro Spiel) und Premier League (0,15). In der Champions League ist der Wert mit 0,36 mehr als doppelt so hoch.
Warum fühlt sich VAR bei der WM so viel besser an?
Wie kann die WM mehr VAR-Eingriffe haben als die Premier League, wenn es sich genau gegenteilig anfühlt? Dafür gibt es mehrere Gründe. An erster Stelle steht die Geschwindigkeit. Verzögerung nährt Zweifel. Collina verfolgt eine klare Philosophie: Seine VARs sollen schnelle und entschlossene Entscheidungen treffen. Fehler sollen ins Auge springen, die Video-Assistenten sollen nicht überanalysieren. Dies führt zu deutlich kürzeren Überprüfungen bei subjektiven Entscheidungen wie Strafstößen und roten Karten. In der Premier League neigt man dagegen zum Zögern und Überdenken durch wiederholte Zeitlupen, was zu langen VAR-Überprüfungen führt – auch bei der eigenen Version der halbautomatischen Abseitstechnologie.
Howard Webb, Schiedsrichterchef der Premier League, hat eine ähnliche Einstellung wie Collina, aber die Umsetzung über 380 Spiele ist schwieriger. Die verbesserte halbautomatische Abseitstechnologie der FIFA hat ebenfalls geholfen. Der Assistent erhält einen Audio-Hinweis, wenn ein Spieler 10 cm oder mehr im Abseits steht, sodass die verzögerte Fahnenhebung weitgehend verschwunden ist. Das hat viele frustrierende Spielszenen beseitigt und die Notwendigkeit von VAR-Überprüfungen bei einigen aberkannten Toren verringert. Zwar gab es einige Probleme – ein Abseits im Spiel Spanien gegen Saudi-Arabien dauerte drei Minuten, weil die Technologie zwei Spieler verwechselte –, aber die Vorteile der verkürzten Verzögerungen sind offensichtlich.
Die Rolle der TV-Übertragung
Ein indirekter Grund sollte nicht unterschätzt werden: Bei einer WM werden die Spielbilder vom Turnierveranstalter geliefert, der Sender liefert den Kommentar. FIFA und UEFA haben klare Richtlinien: Ein Vorfall wird höchstens ein- oder zweimal wiederholt, während der VAR prüft. Der Zuschauer sieht den VAR-Bildschirm erst, wenn der Schiedsrichter zum Seitenrandmonitor geht. In der Premier League hingegen ist es die erste Aufgabe von Sky Sports und TNT Sports, einen Vorfall zu analysieren und aus jedem möglichen Winkel zu zeigen: Zeitlupe, Beschleunigung, Expertenmeinung. Die Kommentatoren haben einen Live-Zugang zur VAR-Zentrale, können jederzeit dorthin schalten und die Diskussionen mithören. Das schafft eine völlig andere Perspektive auf jeden möglichen Vorfall. Turnierveranstalter wollen weniger Kontroversen präsentieren, Rechteinhaber wollen sie hervorheben.
Die Premier League muss sich darüber ärgern, dass die Fans trotz ähnlicher Zahlen wie bei der WM glauben, der VAR sei in England schlechter. Zwei Lehren sind klar: Genauigkeit ist zwar am wichtigsten, aber Geschwindigkeit ist der größte Erfolgsfaktor für den Videobeweis. Und die Art der Darstellung kann einen enormen Unterschied machen.
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