Große Geschichten, wenig Spannung – funktioniert das neue WM-Format?

Kurzüberblick
Die erweiterte WM mit 48 Teams brachte neue Teilnehmer und emotionale Geschichten wie die von Kap Verde. Doch die Gruppenphase enttäuschte durch mangelnde Spannung für Top-Nationen und unfaire Bedingungen für Drittplatzierte. Die Frage bleibt: Ist das neue Format ein Erfolg?
Neues Format, neue Teams und faszinierende Handlungsstränge – die erste Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften hat zweifellos für Gesprächsstoff gesorgt. Doch die entscheidende Frage lautet: Hat die neue Gruppenphase wirklich funktioniert? Während die FIFA-Präsident Gianni Infantino sich bestätigt fühlen mag, zeigen die Zahlen und Ereignisse ein gemischtes Bild.
Die Kehrseite der Medaille: Wenig Risiko für die Großen
Abseits der positiven Geschichten fehlte es den großen Nationen an echter Spannung. Dies lag teilweise an der Regel, dass auch Drittplatzierte weiterkommen konnten, sowie an der Entscheidung der FIFA, den direkten Vergleich als ersten Tiebreaker in der Gruppenphase einzusetzen. Die Folge: Vier Teams gewannen ihre Gruppe bereits vor dem letzten Spieltag, fünf waren vorzeitig ausgeschieden. Von den zwölf gesetzten Top-Nationen verfehlten nur die Co-Gastgeber Kanada und Portugal den Gruppensieg. Abgesehen von der überraschenden Elimination Uruguays glich die Gruppenphase einer 72 Spiele umfassenden Übung, um 16 kleinere Nationen auszusortieren und ein K.o.-Turnier zu schaffen.
Selbst Carlos Queiroz, Trainer der ghanaischen Nationalmannschaft, die als Drittplatzierte weiterkam, kritisierte das neue Format als „vulgär und gewöhnlich“. Die fehlende Wettbewerbsintensität zeigte sich auch in den Ergebnissen: Während bei der WM 2022 nur fünf Gruppenspiele mit drei oder mehr Toren Unterschied endeten, waren es diesmal 18 Partien. Dies trug zur höchsten Torquote pro Spiel (2,99) in einer Gruppenphase seit Einführung des 32-Team-Formats 1998 bei – übertroffen nur von der WM 1958 (3,60) und dem legendären Turnier 1954 (5,38).
Die Lichtblicke: Neue Gesichter, neue Geschichten
Doch die WM lebt nicht nur von den Superstars wie Lionel Messi, Kylian Mbappé, Erling Haaland, Cristiano Ronaldo und Harry Kane, die sich ein packendes Rennen um den Goldenen Schuh lieferten. Die Erweiterung ermöglichte auch bemerkenswerte Geschichten abseits des Rampenlichts. Kap Verde, ein Inselstaat im Atlantik, qualifizierte sich erstmals für die K.o.-Runde – und warf dabei Uruguay aus dem Turnier. Die Mannschaft holte einen Punkt gegen Europameister Spanien (0:0) und erkämpfte ein 2:2 gegen Uruguay. Ein 1:1 gegen Saudi-Arabien im letzten Gruppenspiel sicherte Platz zwei und ein Duell mit Weltmeister Argentinien in Miami.
Der 40-jährige Torhüter Vozinha wurde durch seine Paraden gegen Spanien zum Social-Media-Star: Seine Instagram-Followerzahl stieg von 50.000 auf über 16,7 Millionen. Seine Mutter, die zunächst kein US-Visum erhalten hatte, konnte schließlich zum Uruguay-Spiel anreisen – eine Geschichte, die nur die WM schreiben kann. Auch andere kleine Nationen hinterließen Spuren: Curaçao, der kleinste je qualifizierte Staat, holte einen Punkt gegen Ecuador. Haiti erzielte ein Tor des Turniers durch Wilson Isidor gegen Marokko. Die Demokratische Republik Kongo erkämpfte ein 1:1 gegen Portugal und zog als einer der besten Drittplatzierten ins Achtelfinale ein.
Bosnien-Herzegowina, Kanada, die Elfenbeinküste und Südafrika erreichten erstmals die K.o.-Runde – wenngleich dies durch schwächere Gruppen und mehr Qualifikationsplätze erleichtert wurde. Die erste K.o.-Runde mit 32 Teams entspricht der Größe des alten WM-Formats. Afrikanische Mannschaften glänzten mit neun von zehn Teams im Achtelfinale, während Asien und der Concacaf-Verband enttäuschten: Asien holte nur drei Siege aus 27 Spielen (0,67 Punkte pro Spiel), und die drei Co-Gastgeber Kanada, Mexiko und die USA erzielten fast alle Punkte der Region. Curaçao, Haiti und Panama kassierten 21 Gegentore bei nur drei eigenen Treffern.
Die Schattenseiten: Unfaire Bedingungen und fehlende Dramatik
Die Möglichkeit, als Drittplatzierter weiterzukommen, nahm vielen Spielen die Brisanz. Neun Teams hatten am letzten Spieltag nichts mehr zu gewinnen – vier waren bereits Gruppensieger, fünf ausgeschieden. Hätte die FIFA auf die Tordifferenz als ersten Tiebreaker gesetzt, wäre jedes Team bis zum Schluss im Rennen gewesen. Zudem führte die ungleiche zeitliche Verteilung der Gruppen zu unfairen Bedingungen: Schottland und Südkorea mussten nach ihrem letzten Spieltag drei Tage warten, bis ihr Ausscheiden feststand. Senegal hingegen wusste, dass ein hoher Sieg gegen Irak nötig war, und zog mit einem 5:0 als letzter Drittplatzierter ein.
Besonders problematisch: Teams auf den Plätzen zwei und drei mit drei Punkten konnten ein Unentschieden spielen und beide weiterkommen. Australien und Paraguay trennten sich torlos, Österreich und Algerien spielten 3:3 – ein Spiel, in dem nach der 68. Minute kein Schuss mehr fiel, bis Algerien in der Nachspielzeit in Führung ging und Österreich ausglich. Die Gruppenphase wirkte wie ein Aufwärmprogramm für das eigentliche Turnier. Jetzt beginnt die K.o.-Runde – die WM startet wirklich.
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