Warum Kane bei dieser WM anders ist

Kurzüberblick
Harry Kane startete mit zwei Toren gegen Kroatien in die WM 2026 – ein deutlicher Kontrast zu seinem müden Auftritt 2022. Der englische Kapitän wirkt fitter und stärker, profitiert von Thomas Tuchels System und hat den Goldenen Schuh fest im Blick.
Es dauerte vier Spiele und 269 Minuten, bis Harry Kane bei der WM 2022 in Katar überhaupt einen Torschuss auf das gegnerische Tor abgab. Müde wirkte er damals, früh im Turnier, und viele Beobachter waren der Meinung, dass der englische Kapitän nach den ersten beiden Partien eine Pause gebraucht hätte.
Diesmal ist alles anders. Nach seinem Doppelpack beim 4:2-Auftaktsieg gegen Kroatien schwebt Kane im siebten Himmel. Für einen Stürmer gibt es bei einem großen Turnier nichts Wichtigeres, als einen guten Start zu erwischen. Ich selbst hatte das Glück, bei der WM 1998 für England gegen Tunesien im ersten Spiel zu treffen – eine enorme Erleichterung, nicht nur wegen des Sieges, sondern auch, weil ich als Kapitän und Haupttorschütze unter besonderer Beobachtung stand.
Kane musste die gesamte Woche zusehen, wie andere Superstars wie Kylian Mbappé (Frankreich), Erling Haaland (Norwegen) oder Lionel Messi (Argentinien) bereits mit mindestens zwei Toren in die WM gestartet waren. Der Druck war immens. Dass er bereits nach zwölf Minuten traf und später noch einen zweiten Treffer nachlegte, ist nicht nur für ihn, sondern für ganz England ein Befreiungsschlag.
Ein Start wie 2018
In Katar gelang Kane sein erster Torschuss erst im Achtelfinale gegen Senegal – und er traf. Diesmal hat er das gute Gefühl von Beginn an. Schon bei der WM 2018 in Russland erzielte er in den ersten beiden Spielen fünf Tore, gewann den Goldenen Schuh und führte England ins Halbfinale. Nach dem schwersten Gruppenspiel gegen Kroatien warten nun Ghana und Panama – Kanes Augen müssen leuchten.
Kane wirkt fitter und stärker
Neben seinen Toren ist vor allem Kanes körperliche Verfassung bemerkenswert. Nach dem schwachen Start in Katar war er auch bei der EM 2024 nicht in Bestform, und das englische System holte nicht das Beste aus ihm heraus. Wenn er sich ins Mittelfeld fallen ließ, fehlte ein Anspielpartner vorne, und er zog oft einen zusätzlichen Verteidiger mit sich, was den Raum für England verkleinerte.
Unter Thomas Tuchel ist das anders. England setzt Kane nun ähnlich ein wie der FC Bayern München. Tuchel kennt Kane aus gemeinsamen Zeiten in München und weiß, wie er dessen Stärken maximiert – entscheidend für Englands Chancen in den USA, Kanada und Mexiko. Gegen Kroatien stürmten Noni Madueke, Jude Bellingham oder Anthony Gordon an Kane vorbei, wenn er sich den Ball holte, und sorgten mit Tempo für Gefahr.
Auch Kane selbst hat sich verändert. Er spielt zwar noch ähnlich, wirkt aber fitter und stärker. Nach einer herausragenden Saison beim FC Bayern, in der er 61 Tore erzielte, ist er scharf und selbstbewusst. „Diese Zahlen sind einfach verrückt“, kommentierte Kane kürzlich. „Ich habe 20 Tore mehr geschossen als je zuvor.“ Als ich 1988 mein Profidebüt für Southampton gab, galten 20 Saisontore bereits als Erfolg. Kane hat diese Marke schon bei Tottenham und in Deutschland weit übertroffen und dann noch einmal 20 draufgelegt.
Mentale Stärke und defensive Arbeit
Kane arbeitet auch defensiv hart für England. Gegen Kroatien blockte er in der Schlussminute einen Schuss auf der eigenen Torlinie – und hörte trotzdem nicht auf zu treffen. Sein erster Treffer per Elfmeter war glücklich, weil der Schiedsrichter den Strafstoß wiederholen ließ. Doch die Art und Weise, wie Kane den zweiten Versuch verwandelte, zeugt von mentaler Stärke. Ich selbst habe nie eine solche Wiederholung erlebt, aber bei der WM 1998 gegen Argentinien zwei Elfmeter verwandelt – einen in der regulären Zeit, einen im Shootout. Vor dem zweiten Versuch kämpft man mit negativen Gedanken, versucht, den Torwart zu durchschauen. Dass Kane seinen zweiten Elfmeter exakt an dieselbe Stelle setzte wie den gehaltenen ersten, ist bemerkenswert.
Sein Kopfballtor war ebenfalls herausragend. Declan Rice flankte perfekt, Kroatien verteidigte schlecht, aber Kane las die Flugbahn blitzschnell und vollendete mustergültig.
Der Goldene Schuh als Ziel
Natürlich denkt Kane nach diesem Start bereits an den Goldenen Schuh – jeder Stürmer würde das tun. Zusammen mit Mbappé und James Rodríguez (Kolumbien) gehört er zu den drei Spielern, die einen speziellen Patch am Ärmel tragen, der auf einen früheren Gewinn hinweist. Kane will der erste Spieler sein, der die Auszeichnung zum zweiten Mal erhält. Mbappé, Messi und Haaland haben ebenfalls Ambitionen. Sie sind unterschiedliche Spielertypen, aber ihre Teams sind darauf ausgerichtet, sie optimal einzusetzen – genau wie England es jetzt mit Kane tut.
Der Wettlauf ist eröffnet. Es ist noch zu früh für Prognosen, aber ich bin froh, dass Kane im Rennen ist. Wenn England bei dieser WM weit kommen will, braucht es ihn in Bestform.
Mehr zu diesen Themen

Zehn der besten WM-Spiele aller Zeiten
Anlässlich des 1000. Spiels der FIFA-Weltmeisterschaft blickt der Weltverband auf zehn der denkwürdigsten Partien des Turniers zurück. Von Eusébios Viererpack bis zum Finaldrama in Katar – diese Spiele schrieben Geschichte.

WM-Abenteuer für Großvater und Enkel
Ein Großvater und sein Enkel erleben gemeinsam die Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Die BBC begleitet die beiden auf ihrer Reise zu den Spielen und zeigt, wie der Sport Generationen verbindet.

Curaçaos Pionierärztin auf der großen Fußballbühne
Dr. Suzanne Huurman ist die einzige weibliche leitende Mannschaftsärztin bei der Männer-WM 2026. Sie betreut Curaçao, das kleinste Team des Turniers, und spricht über Herausforderungen und Chancen für Frauen im Spitzenfußball.

Bruderduell bei der WM: Geschwister im Trikot verschiedener Nationen
Bei der Weltmeisterschaft stehen mehrere Brüderpaare vor der besonderen Herausforderung, gegeneinander anzutreten. Vier Geschwisterpaare spielen für unterschiedliche Nationalmannschaften, darunter die Doué-Brüder aus Frankreich und der Elfenbeinküste. Ein historischer Rückblick zeigt, dass solche Duelle selten sind.



