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Modric und Kroatien: Wie sie den Widrigkeiten trotzenLuka Modric führt Kroatien als 40-jähriger Kapitän zur WM 2026. Der Artikel beleuchtet seinen Aufstieg vom Kriegsflüchtling zum Weltstar und die Talentförderung, die Kroatiens Erfolge trotz geringer Bevölkerungszahl ermöglicht./images/de/2026/06/modric-und-kroatien-wie-sie-den-widrigkeiten-trotzen-844f5d78-800w.webpModric und Kroatien: Wie sie den Widrigkeiten trotzen

Modric und Kroatien: Wie sie den Widrigkeiten trotzen

Aktualisiert 5 min read
Luka Modric im kroatischen Trikot beim Ballvortrag im Mittelfeld, im Hintergrund jubelnde Fans mit kroatischen Flaggen — latest news and analysis.

Kurzüberblick

Luka Modric führt Kroatien als 40-jähriger Kapitän zur WM 2026. Der Artikel beleuchtet seinen Aufstieg vom Kriegsflüchtling zum Weltstar und die Talentförderung, die Kroatiens Erfolge trotz geringer Bevölkerungszahl ermöglicht.

Wie schafft es ein Land mit weniger als vier Millionen Einwohnern, immer wieder Fußballgrößen hervorzubringen? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Kriegserfahrung, systematischer Talentförderung und einem unerschütterlichen Nationalstolz. Luka Modric, der mit 40 Jahren noch immer das kroatische Mittelfeld dirigiert, ist das beste Beispiel dafür.

Vom Flüchtlingskind zum Weltfußballer

Modrics Kindheit war vom Krieg geprägt. Nach der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens von Jugoslawien 1991 eskalierte der Konflikt, der bis 1995 andauerte. Mit sechs Jahren wurde sein Großvater Luka von serbischen Kräften nahe der Velebit-Berge getötet, wo der Junge Ziegen hütete. Das Familienhaus brannte nieder, Modrics Vater zog in den Krieg. Die Familie floh nach Zadar und lebte als Flüchtlinge in Hotels, wo Modric mit anderen vertriebenen Kindern Fußball spielte.

Sein Talent blieb nicht verborgen, doch der Weg war steinig. Romeo Jozak, damals Trainer der zweiten Mannschaft von Dinamo Zagreb, erinnert sich an den jungen Modric: „Er war immer ein guter Junge, wohlerzogen, bescheiden. Aber man konnte nicht sagen: ‚Hört zu, der wird ein Superstar‘, denn er war klein und dünn. Wie sollte man behaupten, dass dieser Typ die Welt dominieren würde?“

Modric war besessen von seinen langen Haaren, was zu Konflikten mit Jozak führte. „Ich bin ausgerastet“, lacht Jozak. „Jeden Pass, den er spielte, begleitete ein [Haarwurf]. Wir hatten sogar ein paar Auseinandersetzungen. Aber ich war der Trainer und hatte das letzte Wort, also schnitt er sich schließlich die Haare!“

Modric lieh sich später die Haare wieder wachsen, und sein schmächtiger Körper trug ihn zu sechs Champions-League-Titeln mit Real Madrid und einem Ballon d‘Or. Er führte Kroatien 2018 ins WM-Finale, 2022 zum dritten Platz und wird nun als 40-Jähriger seine Mannschaft am Mittwoch (21:00 Uhr MESZ) im Eröffnungsspiel der WM 2026 gegen England anführen.

Die Wurzeln des Erfolgs: Krieg und Nationalstolz

Der Krieg prägte nicht nur Modric, sondern eine ganze Generation. Die kroatische Nationalmannschaft wurde 1992 von der FIFA und 1993 von der UEFA aufgenommen, verpasste daher die Qualifikation für die WM 1994. Doch Stars wie Zvonimir Boban, Davor Šuker und Robert Prosinečki, die zuvor für das starke Jugoslawien gespielt hatten, erreichten bei der EM 1996 das Viertelfinale und bei der WM 1998 in Frankreich den dritten Platz – mit Siegen gegen Deutschland und die Niederlande.

Jozak, der nach seiner verletzungsbedingt verkürzten Profikarriere verschiedene Funktionen bei Dinamo Zagreb und als Technischer Direktor des kroatischen Fußballverbands (HNS) innehatte, betont die Rolle des Krieges: „Einige hatten Verwandte, die im Krieg getötet wurden. Diese Dinge bleiben in dir. Du holst sie aus deinen Genen und nutzt sie, wenn du sie am meisten brauchst.“ Der Stolz auf das Land sei anfangs patriotisch gewesen, doch mit den Erfolgen sei Selbstvertrauen hinzugekommen.

Es dauerte jedoch 20 Jahre, bis Kroatien wieder eine WM-Gruppenphase überstand. Die „goldene Generation“ von 2018 übertraf die von 1998 sogar, indem sie das Finale erreichte. Die Saat dafür war lange gelegt.

Die Talentfabrik Dinamo Zagreb

Jozak schuf bei Dinamo ein System enormer interner Konkurrenz. „Das war eine talentierte Gruppe – ein reines Privileg für mich als Trainer“, erklärt er. „Wegen der internen Qualität im Training war es Überleben. Du kannst es dir nicht leisten, einen Ball zu verlieren, weil der andere schon bereitsteht. Interne Qualität ist eine der entscheidenden Komponenten im Trainingsprozess, die man nicht künstlich erzeugen kann.“

2008 wurde Jozak Akademiedirektor und machte Dinamo zu einer der produktivsten Talenteschmieden Europas. Im selben Jahr wechselte Modric zu Tottenham Hotspur, gefolgt von Teamkollegen wie Vedran Ćorluka und Eduardo. Weitere Talente wie Mateo Kovačić (Inter Mailand), Tin Jedvaj und Šime Vrsaljko (beide Serie A) sowie Alen Halilović (FC Barcelona) folgten. 2014 wechselte sogar der 16-jährige Dani Olmo von Barcelonas La Masia zu Dinamo – ein Zeichen für den Ruf des Klubs.

Ein wichtiger Aspekt war die Auswahl der richtigen Trainer: „Hinter jeder Übung muss ein Mensch stehen“, sagt Jozak. „Falsche Leute dürfen nicht im Bus bleiben.“ Zudem legte er großen Wert auf Ballarbeit: „Wenn du auf die Toilette gehst, gehst du mit dem Ball. Wenn du dein Handy holst, gehst du mit dem Ball. Alles wird mit dem Ball gemacht.“

Manchester Citys Verteidiger Joško Gvardiol profitierte von dieser Philosophie. Er kam während Jozaks Zeit in die Akademie und wurde im Mittelfeld oder als Zehner eingesetzt. „Deshalb hat er diesen linken Fuß“, lächelt Jozak. „Er spielte im Mittelfeld. Er war talentiert, wuchs in der Dichte der internen Qualität. Er hat eine super Technik. Später wurde er groß und schnell.“ Fast die Hälfte des aktuellen WM-Kaders hat Dinamo durchlaufen.

Die Brücke zum Nationalteam

Als Technischer Direktor des kroatischen Verbands (2013–2017) baute Jozak eine „Brücke“ zwischen allen Klubs und der Nationalmannschaft. „Die Akademieleiter sind der Schlüssel zum Erfolg eines Landes. Sie fühlten sich wertgeschätzt und respektiert.“ Der jüngste Spieler im Kader, Luka Vušković, der 19-jährige Innenverteidiger von Tottenham, kam aus der Akademie von Hajduk Split – er war noch nicht geboren, als Modric sein Debüt für Kroatien gab. „Er wird einer der Top-Superstars der Zukunft“, prophezeit Jozak, der das Trainingshandbuch des Landes verfasste und die Prinzipien der Talentförderung definierte.

Die kroatische Liga ist wettbewerbsfähig und bietet eine gute Plattform, um junge Talente zu entwickeln, bevor sie wechseln – 18 Spieler des WM-Kaders spielen inzwischen in den Top-Ligen Englands, Spaniens, Italiens und Deutschlands. Jozak gelang es nicht, Christian Pulišić für Kroatien zu gewinnen – obwohl der Verband ihm einen Pass besorgte, der ihm mit 16 den Wechsel zu Borussia Dortmund ermöglichte. Doch der Ruf des Balkans ist mittlerweile so etabliert, dass die Diaspora das rot-weiße Trikot anziehen will.

„Die Kabine Kroatiens ist so, wie sie sein soll“, fügt Jozak hinzu. „Sie sind sehr leidenschaftlich, sehr patriotisch, sehr diszipliniert in der Art, wie sie für etwas kämpfen. Es ist immer mit Stolz und immer ein Privileg.“

Der Trainer, der die Emotionen lenkt

Trotz aller Talente gewann Kroatien zwischen 1998 und der Ernennung von Zlatko Dalić 2017 nur ein WM-Spiel. Dalić führte die Mannschaft in seinen beiden Turnieren zu Platz zwei und drei. Jozak lobt ihn: „Er versteht die sozialen, emotionalen Beziehungen und die Menschen. Er ist mitfühlend. Er ist ein kenntnisreicher Trainer und super talentiert. Er versteht die Mentalität – die emotionalen Verbindungen und wann man Gas geben muss, wann man zurücknehmen, wann man schreien und wann man jemanden umarmen muss.“

In Kroatien sei man sehr emotional und sozial. „Man wird nie Spieler in der Kabine sehen, die nicht miteinander sprechen. Wenn sie in die gleiche Richtung drängen, ist das eine enorme Kraft, und er ist derjenige, der diese Beziehungen und Emotionen aufrechterhält. Ich würde ihn einen sehr intelligenten emotionalen und mentalen Trainer nennen, zusätzlich zu seinem reinen Fußballwissen.“

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