Schottland vor historischem Duell: Große Spieler müssen liefern
Kurzüberblick
Schottland trifft im entscheidenden Gruppenspiel auf Brasilien und kämpft um den erstmaligen Einzug ins Achtelfinale. Trainer Steve Clarke muss eine Taktik finden, die sowohl defensiv stabil ist als auch offensiv Gefahr erzeugt.
Vor 60 Jahren traf Schottland zum ersten Mal auf Brasilien – und spielte 1:1. Stevie Chalmers, der spätere Lisbon Lion, traf bereits nach einer Minute. Was Steve Clarke für ein ähnliches Ergebnis am Mittwoch in der drückenden Hitze von Miami geben würde? Schottlands Spiel des Jahrhunderts steht bevor.
Eine Geschichte voller Schmerz
Die Begegnungen mit Brasilien waren für Schottland oft von Leid geprägt. Tom Boyds unglückliches Eigentor 1998 in Paris besiegelte die 1:2-Niederlage. Billy Bremners vergebene Großchance 1974 in Frankfurt – das 0:0 bedeutete das Aus aufgrund der Tordifferenz. Genau dieser Faktor könnte auch diesmal entscheidend sein: Schottland muss nicht gewinnen, nicht einmal unbedingt unentschieden spielen, um erstmals in der Geschichte die K.o.-Runde zu erreichen. Eine knappe Niederlage oder sogar eine deutlichere Pleite könnte dennoch zum Weiterkommen reichen.
Andy Robertson betonte am Dienstag, dass ihm die Rechenspiele egal seien, doch er kennt die Details genau. Sein Fokus liegt auf einem Ergebnis, das Schottland in die nächste Runde bringt. „Man erreicht sein Niveau nicht, wenn man eine Niederlage als Sieg betrachtet“, sagte der Kapitän. Dabei ist die Situation paradox: Eine Niederlage könnte im großen Ganzen ein Erfolg sein.
Die Herausforderung gegen Brasilien
15 Jahre ist es her, dass Schottland zuletzt gegen Brasilien spielte, 28 Jahre seit dem letzten WM-Duell. Für viele Spieler ist es die einmalige Chance, gegen die gelben Trikots anzutreten. Schottland darf nicht übermütig sein, muss aber gefährlicher auftreten als in den bisherigen zwei Turnierspielen und den sechs Partien davor bei den letzten beiden Europameisterschaften. Gegen Marokko zeigte die Mannschaft eine engagierte zweite Halbzeit, erzeugte Druck, aber kam zu keinem Torschuss. Insgesamt gelangen in zwei Spielen nur zwei Schüsse aufs Tor.
Trainer Steve Clarke sucht einen hybriden Spielplan, der die Defensive gegen ein gefährliches, aber nicht übermächtiges Brasilien stabilisiert und gleichzeitig für Entlastung nach vorne sorgt. „Wir müssen Brasilien aus dem Rhythmus bringen und an ihrem Selbstbewusstsein kratzen“, so Clarke.
Die großen Personalfragen
Aaron Hickeys Ausfall zwingt Clarke zu einer Entscheidung auf der rechten Abwehrseite. Nathan Patterson, Anthony Ralston oder Kieran Tierney – Letzterer wäre eine unkonventionelle, aber erfahrene Lösung gegen den pfeilschnellen Vinicius Junior. Im Sturmzentrum stehen Che Adams, Lyndon Dykes, Lawrence Shankland, Ross Stewart und George Hirst zur Auswahl. Scott McTominay als falsche Neun wäre eine Überraschung, aber Co-Trainer Steven Naismith winkte ab. McTominay, John McGinn und Ben Gannon-Doak müssen ihre Leistung steigern. Gannon-Doak, der zuletzt von der Bank kam, wird am Mittwoch von Beginn an spielen.
Brasilien: Nicht mehr die Übermannschaft
Brasilien wartet seit 24 Jahren auf den sechsten WM-Titel. Die Qualifikation verlief holprig: Acht Siege, vier Unentschieden, sechs Niederlagen in 18 Spielen. Gegen Chile, Peru und Kolumbien fielen die Siegtore erst in der Schlussphase. Neymar könnte nach zweieinhalb Jahren sein Comeback geben – als falsche Neun oder von der Bank. Die brasilianische Presse verfolgt jede Einheit seines Aufbautrainings.
Schottlands Stärke liegt im Einsatzwillen und der Leidenschaft, aber die technischen Fähigkeiten sind begrenzt. Die großen Namen müssen liefern, kreativ sein und eiskalt vor dem Tor agieren. Gelingt das, könnten die ausgelassenen Feiern der Tartan Army in Boston nur der Auftakt sein. „Es ist eine sichere Sache, dass die schottischen Fans noch eine Schippe drauflegen können“, sagt ein Beobachter. Die große Hoffnung ist, dass Clarke und seine Spieler im Spiel ihres Lebens noch viel mehr zu zeigen haben.
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