„Purzelbäume beim Frühstück“ – Der Kulturwandel im schottischen Team

Kurzüberblick
Schottlands Trainer Steve Clarke zeigt sich bei der WM entspannter denn je. Assistenztrainer Steven Naismith spricht von einem bewussten Kulturwandel mit mehr Familienzeit und weniger Druck. Der Erfolg gegen Haiti scheint die neue Strategie zu bestätigen.
„Purzelbäume beim Frühstück“ – mit diesen Worten beschrieb Assistenztrainer Steven Naismith scherzhaft die Reaktion von Cheftrainer Steve Clarke auf Schottlands ersten WM-Sieg seit 36 Jahren. Doch hinter der humorvollen Bemerkung verbirgt sich ein tiefgreifender Wandel im schottischen Nationalteam.
Ein entspannterer Steve Clarke
Clarke hatte in den vergangenen Wochen mehrfach betont, dass er die ersten beiden großen Turniere, die er mit Schottland bestritt, „nicht genossen“ habe. Diesmal, so kündigte er an, wolle er die Erfahrung in den USA „in vollen Zügen auskosten“. Diese Haltung scheint sich auf das gesamte Team zu übertragen.
Bereits im Trainingslager in Fort Lauderdale vor zwei Wochen überraschte Clarke die Medien, indem er unerwartet für ein lockeres Gespräch an die Seitenlinie kam. Eine solche Gelassenheit wäre in der Vergangenheit kaum denkbar gewesen. Vor seinem Pressegespräch in Boston scherzte er über seine Erkenntnisse aus der EM 2024: „Nicht vernichtet werden.“
„Er war bei zwei Turnieren, hat gesagt, dass er sie nicht genossen hat, hat darüber nachgedacht, warum, und dann überlegt, was er tun kann, um es für sich selbst angenehmer zu machen“, erklärte Naismith, der selbst als Spieler nie an einem großen Turnier teilnahm.
Mehr Familie, weniger Druck
Der Wandel betrifft nicht nur den Trainer. Das Team hat bewusst Maßnahmen ergriffen, um den Druck zu reduzieren. „Vor dem Turnier wurde viel Arbeit investiert, um herauszufinden, was die Spieler wollen, was sie brauchen und was ihnen zuvor nicht gefallen hat“, so Naismith. „Die Familien näher zu bringen, mehr Zeit mit ihnen zu haben, Phasen harter Arbeit mit Erholung abzuwechseln – das Druckventil zu öffnen, damit man nicht ständig an Fußball denkt. Ich denke, das hat gut funktioniert.“
Die Spieler verzichteten nach dem historischen Sieg gegen Haiti auf eine Feier in Boston und verbrachten stattdessen den Sonntagmorgen mit ihren Familien. „Bei früheren Turnieren gab es das nicht“, betonte Naismith. „Einfach Vater, Ehemann, Sohn zu sein – das gab es nicht. Was wir jetzt tun, funktioniert – und hoffentlich bleibt es so.“
Verbundenheit mit den Fans
Die schottischen Fans, die Tartan Army, haben Boston in den letzten Tagen in ein schottisches Fest verwandelt. Zahlreiche Spieler wurden von Anhängern auf den Straßen fotografiert, der verletzte Billy Gilmour besuchte die „Scotland Celebration“ im Fenway Park. Naismith lobte die Nähe zu den Fans: „Das ist eine große Veränderung – wir haben das angenommen. Wir wollen Teil dieser Erfahrung sein. Wir kamen ein paar Tage früher nach Boston, die Spieler liefen durch die Stadt, trafen Fans. Die Verbindung war noch nie so gut wie jetzt.“
Gleichzeitig betont er, dass die Spieler ihren Job nicht vernachlässigen: „Es gibt Respekt dafür, dass sie hier eine Aufgabe zu erfüllen haben. Es war großartig.“
Lockerheit auch abseits des Platzes
Die entspannte Atmosphäre zeigt sich auch im Umgang mit den Medien. Der 20-jährige Ben Doak, der gegen Haiti zum Matchwinner wurde, sorgte mit Sprüchen über seine „Waden, die das Stadion vor mir verlassen haben“ für Lacher. Auch Aaron Hickey, Craig Gordon, John McGinn und Kenny McLean zeigten sich in den vergangenen Tagen betont locker.
Von der Enge der EM 2022 ist nichts mehr zu spüren. Stattdessen gibt es Einblicke hinter die Kulissen – etwa, dass Liam Kelly Grant Hanley den Rücken rasiert, oder Führungen durch das Trainingsgelände in North Carolina, das mit schottischen Motiven und inspirierenden Zitaten geschmückt ist.
Die Hoffnung ist, dass dieser neue Ansatz Schottland dabei hilft, als erste schottische Mannschaft überhaupt die K.o.-Runde eines großen Turniers zu erreichen. Der Start ist jedenfalls vielversprechender als in Deutschland – keine „Vernichtung“ also, Steve.
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