„Wir haben noch eine Steigerung drauf“ – Kane verteidigt frustrierten Tuchel

Kurzüberblick
Harry Kane hat nach dem Viertelfinalsieg gegen Norwegen die Kritik von Trainer Thomas Tuchel relativiert. Der Kapitän sieht noch ungenutztes Potenzial im englischen Team, das am Mittwoch im Halbfinale auf Argentinien trifft.
Kapitän Harry Kane hat nach dem mühevollen 2:1-Viertelfinalsieg gegen Norwegen die deutliche Kritik von Trainer Thomas Tuchel verteidigt und zugleich Optimismus verbreitet. Der 32-Jährige betonte, dass die englische Nationalmannschaft „noch eine Steigerung drauf“ habe – ein Versprechen, das vor dem Halbfinale am Mittwoch in Atlanta gegen Argentinien (20:00 Uhr MESZ, live in der BBC) dringend nötig erscheint.
Tuchels Frust nach zähem Sieg
Nach der Partie, die England erst in der Verlängerung für sich entscheiden konnte, hatte Bundestrainer Thomas Tuchel kein Blatt vor den Mund genommen. Er sei mit der Leistung seiner Mannschaft „nicht zufrieden“ gewesen, sagte der 51-Jährige. Die Three Lions hätten „Glück gehabt“, seien „schlampig“ gewesen, hätten „viele technische Fehler“ gemacht und seien „nicht schnell genug, nicht wiederholungsstark“ gewesen. Die Kritik zielte vor allem darauf ab, dass das Team nicht umsetzte, was es im Training zeige.
Kane, der im Turnier bereits sechs Tore erzielt hat und gemeinsam mit Jude Bellingham Englands bester Torschütze ist, zeigte Verständnis für die harschen Worte seines Trainers. „Wenn er uns trainieren sieht und die Nähe zwischen uns sieht und was wir können – vor allem mit den Spielern, die wir haben, die Art, wie wir angreifen, unsere Eins-gegen-Eins-Situationen und die technischen Fertigkeiten – dann will er einfach diese Version von uns sehen“, erklärte der Bayern-München-Stürmer. „Er weiß so gut wie jeder, dass es nicht so einfach ist. Wir spielen gegen gute Gegner und gute Mannschaften. Er versucht, das aus uns herauszukitzeln, und wir wissen selbst, dass wir noch eine Steigerung draufhaben.“
„Noch nicht die volle Kontrolle“
Kane räumte ein, dass England sein Potenzial bislang nur in Ansätzen gezeigt habe. „Gegen Norwegen war es nur in Ansätzen. Wir hatten noch nicht die volle Kontrolle, die wir uns wünschen und die ich für möglich halte.“ Dennoch sei die Tatsache, dass man trotzdem im Halbfinale stehe, ein positives Zeichen. „Wir werden gegen eine der besten Mannschaften der Welt spielen. Das Erfreulichste ist, dass wir im Halbfinale stehen und immer noch das Gefühl haben, uns steigern zu können. Aber ich denke nicht, dass man sich darüber allzu sehr aufregen sollte. Wir zeigen auch viele gute Dinge.“
Bellingham widerspricht Tuchel
Während Kane die Kritik des Trainers weitgehend mittrug, äußerte sich Jude Bellingham deutlich anders. Der 21-Jährige, der in den letzten beiden Spielen je einmal getroffen hatte, stellte sich schützend vor seine Mannschaftskameraden. „Es ist schwer da draußen, es ist eine harte Schicht“, sagte Bellingham nach der Partie. „Alle Spieler haben eine harte Schicht abgeliefert. Meine Gedanken und meine Wertschätzung gelten den Jungs da draußen. Vielleicht weiß er (Tuchel) nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ødegaard, Antonio Nusa und Alexander Sørloth zu spielen. Das ist keine einfache Mannschaft, gegen die man spielt. Ich kann nicht genug Gutes über die Jungs sagen.“
Englands Weg: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
England, das 1966 zum bislang einzigen Mal Weltmeister wurde, steht erst zum vierten Mal in einem WM-Halbfinale. Die drei vorherigen Endrunden auf dieser Stufe endeten jeweils mit Niederlagen: 1990 gegen Westdeutschland, 2018 gegen Kroatien. Hinzu kommen die verlorenen EM-Endspiele 2021 gegen Italien (nach Elfmeterschießen) und 2024 gegen Spanien. „Es war eine extrem erfolgreiche Ära unserer Nationalmannschaft“, betonte Kane. „Natürlich wollen wir den letzten Schritt gehen. Das ist das fehlende Puzzlestück. Wir klopfen an die Tür. Wir erreichen diese Halbfinals und Finals. Es ist eine große Woche. Wir sind jetzt sechs Wochen zusammen und haben jede Menge Einsatz für das Trikot gezeigt. Jetzt brauchen wir für die letzte Woche noch einen größeren Push. Letztlich stehen wir im Halbfinale einer Weltmeisterschaft – das war nicht immer der Fall für diese Nationalmannschaft. Also müssen wir es genießen.“
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