Trotziger Tuchel verteidigt Entscheidungen und nennt Niederlage 'Narbe, die wir jetzt tragen'
Kurzüberblick
England-Trainer Thomas Tuchel hat seine taktischen Entscheidungen bei der WM-Halbfinalniederlage gegen Argentinien verteidigt. Er übernimmt die Verantwortung, zeigt aber keine Reue.
Englands Cheftrainer Thomas Tuchel hat in einer angespannten Pressekonferenz seine taktischen Entscheidungen während der Halbfinalniederlage gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft verteidigt. Vor dem Spiel um Platz drei am Samstag in Miami gegen Frankreich sagte Tuchel: „Wenn Sie jemanden brauchen, dem Sie die Schuld geben können, übernehme ich die Verantwortung.“ Der deutsche Trainer betonte jedoch, keine Reue zu empfinden, und beschrieb die Niederlage als „Narbe, die wir jetzt tragen“.
Eine verpasste historische Chance
England stand nur wenige Minuten vor der ersten Finalteilnahme bei einer Männer-Weltmeisterschaft seit 60 Jahren. Eine 1:0-Führung verwandelte sich in der Schlussphase jedoch in eine 2:1-Niederlage, als die englische Abwehr unter dem anhaltenden Druck der brillanten und ausdauernden Weltmeister um Lionel Messi immer tiefer wurde. Tuchel räumte ein, dass sein Team in den letzten 35 Minuten „zu passiv“ geworden sei, bestand aber darauf, dass er seine Entscheidungen nicht bereue. „Ich habe mehrere Entscheidungen getroffen, im Vertrauen auf meinen Instinkt, meine Intuition, meine Erfahrung und meinen Wettbewerbsgeist, um der Mannschaft zu helfen und das Ergebnis zu erzielen. Wir haben das Ergebnis nicht bekommen. Also übernehme ich natürlich die Verantwortung für diese Entscheidungen.“
Kritik an der Taktik und Teamgeist
Auf die Frage, warum Kapitän Harry Kane in der Schlussphase so tief gespielt habe, antwortete Tuchel: „Was meinen Sie damit? In den letzten 30 Minuten? Nun, das tut man, wenn man in einem Block verteidigt. Wir waren nicht aktiv genug.“ Er erklärte, Argentinien habe nach dem englischen Tor „mit viel Schwung gespielt“ und „einen Gang höher geschaltet“. Tuchel verteidigte seine Entscheidung, auf eine Fünferkette umzustellen, um die Flankenläufe der Argentinier zu unterbinden. Dennoch gab er zu: „Wir wurden einfach zu passiv, und Argentinien hat, nebenbei bemerkt, einen weiteren Gang gefunden und den totalen Flow erreicht.“
Tuchel wies zudem darauf hin, dass die körperliche Belastung durch die Spiele gegen Mexiko (mit zehn Mann in der Höhe des Aztekenstadions) und Norwegen (in der Hitze von Miami) mehr Kräfte gekostet habe als angenommen. „Die Spieler haben in jedem Spiel buchstäblich alles gegeben. Wenn man diesen Datenabfall sieht, muss es einen Grund dafür geben, denn die Motivation war enorm.“
Die emotionale Last der Niederlage
Tuchel sprach offen über den Schmerz der Halbfinalniederlage, die durch die Gegentore in der 85. und 92. Minute besiegelt wurde. „Wir spüren den Schmerz am meisten von allen, und es ist unsere Narbe, die wir jetzt tragen. Es ist unser Schmerz, mein Schmerz und der Schmerz der Spieler. Es ist eine sehr schmerzhafte Niederlage, und wir müssen zuallererst mit dieser Niederlage leben, nicht die Kritiker, nicht die Experten, nicht unsere Familienmitglieder, die ebenfalls mit uns leiden und nur das Beste für uns wollen.“
Der Trainer betonte, dass die Mannschaft die Niederlage überwinden und als Antrieb nutzen werde. „Wenn wir morgen das Spiel gewinnen, haben wir das beste Ergebnis einer Weltmeisterschaft seit 60 Jahren. Das ist eine Perspektive.“
Die Lücke zu den Top-Teams
Tuchel räumte ein, dass die Niederlage zeige, dass England noch eine Lücke zu den besten Mannschaften schließen müsse. „Wir glaubten, dass wir es schaffen könnten. Wir haben davon geträumt. Dennoch glaube ich, dass drei andere Nationen fast eine Erwartungshaltung haben, den Titel zu gewinnen – nicht wir. Frankreich, Spanien, Argentinien sind auf einem Niveau, auf dem sie erwarten zu gewinnen. Wir sind noch nicht so weit. Es gibt noch eine Lücke, die wir schließen müssen. Und das werden wir tun. Wir werden nicht aufhören zu jagen, nicht aufhören herauszufordern.“
Analyse: Tuchel stellt sich den Fragen
Der Schmerz war Tuchel ins Gesicht geschrieben. Es war seine letzte Pressekonferenz vor dem Spiel der Weltmeisterschaft – nicht die Umgebung, die er sich gewünscht hatte. Statt am Wochenende in New York beim Finale zu sein, bereitet er sich in Miami auf das Spiel um die Bronzemedaille gegen Frankreich vor. Die Kritik von Fans, Experten und Journalisten an Englands defensivem Rückzug in der Schlussphase hat den Schmerz noch verstärkt. Tuchel lieferte eine leidenschaftliche Verteidigung seiner Bemühungen, doch die Qual war unübersehbar. Er war sichtlich emotional, was ihm angesichts der herzzerreißenden Niederlage niemand verdenken konnte. Die Tatsache, dass sich die meisten Fragen um seine eigene Leistung drehten, trug wohl dazu bei, dass er nicht seine gewohnt umgängliche Art zeigte. Dennoch stellte er sich den unangenehmen Fragen und wich keinem aus – das ist beachtlich.
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