Rekordjagd bei der WM: 100 Tore in 33 Spielen – liegt es am Ball?

Kurzüberblick
Die WM 2026 erreicht als schnellstes Turnier seit 68 Jahren die 100-Tore-Marke bereits nach 33 Partien. Experten diskutieren über mögliche Ursachen wie den neuen Adidas-Ball, das erweiterte Teilnehmerfeld und die klimatischen Bedingungen in Nordamerika.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada hat einen historischen Meilenstein erreicht: Noch nie seit 1958 fielen die ersten 100 Tore eines WM-Turniers so schnell. Bereits nach 33 Spielen war die magische Grenze überschritten – der bisherige Rekordhalter war die WM 1954 in der Schweiz, die nach nur 20 Partien die 100-Tore-Marke geknackt hatte. Damals gewann Westdeutschland den Titel.
Den 100. Treffer erzielte der niederländische Stürmer Cody Gakpo (FC Liverpool) beim 5:1-Sieg der Niederlande gegen Schweden am Samstag. Es war das dritte Tor der Oranje an diesem Abend. Die aktuelle WM liegt mit einem Schnitt von 3,09 Toren pro Spiel deutlich über dem Wert der vergangenen Turniere. Zum Vergleich: In Katar 2022 betrug der Durchschnitt 2,69 Tore pro Partie, und damals wurde im Dezember gespielt, um der extremen Hitze im Nahen Osten auszuweichen.
Liegt es am neuen WM-Ball?
Ein viel diskutierter Faktor ist der offizielle Spielball der WM 2026, der Adidas „Trionda“. Mehrere Torhüter hatten bereits sichtbare Probleme mit der Flugbahn des Balls. Der frühere englische Nationaltorwart Joe Hart beobachtete bei der Partie England gegen Kroatien am 17. Juni, wie der Ball bei Jordan Pickford schneller als erwartet ankam – Martin Baturina erzielte den Ausgleich für Kroatien. „Es gab bereits einige Situationen, in denen sich dieser Fußball nicht so verhalten hat, wie man es erwarten würde“, sagte Paul Robinson, ehemaliger englischer Nationaltorhüter und Experte für die BBC. „Das sollte man im Auge behalten.“
Bereits in der ersten Runde fielen fünf Tore aus einer Distanz von mehr als 22 Yards (etwa 20 Metern). Frankreichs Kapitän Kylian Mbappé traf aus 30 Yards gegen Senegal – sein zweites Tor im Spiel und der bislang weiteste Treffer des Turniers. Schwedens Yasin Ayari erzielte zwei Tore aus 24,8 und 24,3 Yards gegen Tunesien. Auch Connor Metcalfe (Australien, 25,6 Yards gegen Tunesien) und Ismael Saibari (24,7 Yards gegen Brasilien) gehören zu den fünf besten Distanzschützen. Mehr als zehn Tore fielen bislang von außerhalb des Strafraums, hinzu kommen viele Abstauber, nachdem Torhüter Schüsse abprallen ließen.
Das Phänomen erinnert an die WM 2010 in Südafrika, als der „Jabulani“-Ball für seine unberechenbare Flugbahn berüchtigt war. Damals kritisierte Englands Torwart David James den Ball scharf: „Der Ball ist schrecklich. Er wird zusätzliche Tore ermöglichen und einige Torhüter lächerlich aussehen lassen.“ Am Ende des Turniers waren 26 der 145 Tore aus der Distanz gefallen.
Erweitertes Teilnehmerfeld und taktische Pausen
Erstmals nehmen 48 Mannschaften an einer WM-Endrunde teil, was die Anzahl der Spiele auf 104 erhöht hat. Vier Nationen feierten ihr Debüt: Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan. Während Kap Verde gegen den Weltmeister von 2010, Spanien, ein torloses Unentschieden erkämpfte, kassierte Curaçao – das flächen- und bevölkerungsmäßig kleinste Land, das je an einer WM teilnahm – gegen Deutschland eine 1:7-Niederlage. „Natürlich hat die Aufnahme von mehr und schwächeren Mannschaften einen gewissen Einfluss auf die Qualität“, sagte Thomas Frank, ehemaliger Trainer von Brentford und Tottenham. „Aber abgesehen von einigen Partien, wie Deutschland gegen Curaçao, wurden nicht viele Teams vorgeführt.“
Ein weiterer Faktor könnten die ungewöhnlich langen Abstände zwischen den Spielen sein. Mexiko, das das Turnier am 11. Juni eröffnete, musste eine ganze Woche auf sein zweites Spiel gegen Südkorea warten. Dies könnte den stärkeren Teams die Möglichkeit gegeben haben, sich zu erholen und neu zu formieren.
Hitze, Trinkpausen und Fehlerflut
Die sommerlichen Temperaturen in Nordamerika könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Von den 105 Toren (nach dem Sieg Deutschlands gegen die Elfenbeinküste) fielen 30 in der Schlussphase zwischen der 76. Minute und dem Abpfiff – das sind 28,6 Prozent, der höchste Wert seit 2014. Zudem häuften sich schwerwiegende Fehler, die zu Gegentoren führten. Tunesiens Ellyes Skhiri verlor den Ball in einer gefährlichen Position gegen Schweden, was Viktor Gyökeres den Treffer ermöglichte. Insgesamt leisteten sich die Nordafrikaner sechs Fehler, die zu Torschüssen führten, vier davon endeten direkt mit einem Tor.
Die bei den Fans umstrittenen Trinkpausen – drei Minuten pro Halbzeit – werden von Trainern zunehmend für taktische Anweisungen genutzt. Brasilien lag gegen Marokko in seinem ersten Spiel in New Jersey mit 0:1 zurück, glich aber innerhalb von zehn Minuten nach einer Trinkpause aus. „Man kann den Spielern sagen, was sie tun sollen“, erklärte Schweiz-Trainer Murat Yakin. „Wir können ihnen Bilder zeigen. In drei Minuten können wir mit ihnen sprechen, über Auswechslungen reden und Veränderungen besprechen.“
Topstars in Topform
Ein weiterer Grund für die Torflut ist die frühe Form vieler Superstars. Lionel Messi erzielte einen Hattrick gegen Algerien, Kylian Mbappé traf doppelt gegen Senegal, und Vinícius Júnior traf in beiden Spielen Brasiliens. Erling Haaland, der in der Saison 2025/26 mit 27 Toren für Manchester City den Goldenen Schuh der Premier League gewann, erzielte einen Doppelpack beim 4:1 Norwegens gegen den Irak. Auch Englands Kapitän Harry Kane traf doppelt beim Sieg gegen Kroatien. „Wir haben bei Welt- und Europameisterschaften oft gesehen, dass Topspieler nach einer anstrengenden Saison nicht voll fit waren – genau das passierte Harry Kane vor zwei Jahren bei der EM 2024“, sagte Thomas Frank. „Aber er und andere Schlüsselspieler wie Messi und Haaland sind in Topform und wirken so fit wie nie.“
Micah Richards, ehemaliger Verteidiger von Manchester City, ergänzte gegenüber der BBC: „Die Offensivspieler bei dieser WM wirken extrem selbstbewusst. Es ist, als ob alle glauben, dass sie treffen werden, und jeder vertraut auf sich selbst. Es geht weniger um Taktik, sondern mehr um das gute Gefühl, bei einer WM dabei zu sein.“
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